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Vorwort
Mit meinen Kindern habe ich Puzzlespiele gemacht, weil sie es liebten. Dabei hat mir weniger das Puzzeln, als das gemeinsame Tun Freude gemacht.
Irgendwann schenkte mir mal jemand ein 5000-Teile Puzzle, das noch heute originalverpackt im Schrank steht und sicher nicht von mir zusammengefügt wird.
Trotzdem kann ich seit ein paar Wochen dieser Art von Beschäftigung etwas abgewinnen. Ich füge mit großer Freude Puzzleteile meines Lebens zusammen und es werden immer mehr.
Ich habe schon ein paar Stücke vom Himmel gefunden, Randstücke und auch Teile, die aus der Mitte stammen. Der klare blaue Himmel bereitet mir mehr Probleme als die Wolkenzonen, die ich viel leichter zuordnen kann.
Vom unteren Rand fand ich ein paar Etappen, Wurzelwerk und Erde, Pflanzen und Bäume, aber auch Wasser und Steine. Einen dicken Stein konnte ich fast vollständig zusammensetzen, jetzt liegt er mir nicht mehr im Weg und ich kann mich um die anderen Abschnitte kümmern.
Es wird ein unglaublich großes Bild werden und immer dann, wenn ich wieder Stückchen gefunden habe, die zusammen gehören, dann verändert es sich wie durch Zauberhand.
Gesichter schauen mich an, ich erkenne Menschen, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind. Menschen, die Spuren hinterlassen haben im Bild meines Lebens. Ab und zu huscht ein Tier durchs Gemälde, treue Augen meiner Hunde blicken mich an und manchmal schwinge ich mich auf einen Pferderücken und galoppiere in einem atemberaubenden Tempo durch die Gedankenwelt, um dann völlig aus der Puste anzuhalten und den Tönen zu lauschen, die meine Sammlung erklingen lässt. Dazu tanzen die Kinder einen fröhlichen Reigen, immer sind es die Kinder, die mich wieder in das Hier und Jetzt zurückfinden lassen.
Es ist wie ein Traum, den ich mit offenen Augen und in vollem Bewusstsein träumen darf. Manchmal ist es beglückend, sogar berauschend. Ein anderes Mal bekomme ich Angst, sicher sind es die Ängste, die mich immer begleitet haben, die, die ich nicht zulassen wollte. Ich nehme sie an und lasse sie frei. Ich stelle mir vor, dass sie sich wie bunte Schmetterlinge in den Himmel erheben.
Das alles ist ein beglückender Prozess, ich bin sehr dankbar, dass ich das so erleben kann, denn es findet eine erneute Bereicherung meines Bewusstseins statt. Ich nehme die Farben des Lebens wieder in ihrer Fülle wahr, verblasste Elemente erblühen zu neuem Leben.
Sanfter Heinrich 1959-1961
In unserer Straße gab es eine Gaststätte in Kombination mit einem Lebensmittelgeschäft.
Das Wirtshaus war nach seinem Besitzer benannt „Zum sanften Heinrich“.
Bei Tante Käthe, im Geschäft, kaufte meine Mutter die Lebensmittel des täglichen Bedarfs.
Wir Kinder gingen auch sehr gern dorthin, denn Tante Käthe hatte immer ein nettes Wort für uns und manchmal auch ein Bonbon oder eine andere Leckerei.
Als ich noch ganz klein war, schloss ich Freundschaft mit dem Kettenhund der Wirtsleute. Er lag in seiner Hütte und niemand traute sich nah an ihn heran, selbst die Besitzer hatten eine Menge Respekt vor ihrem eigenen Hund.
Ich pirschte mich vorsichtig an ihn heran und soll, wie meine Mutter oft erzählt hat, sein Fell gestreichelt haben und immer wieder gesagt haben: „Ei, ei, du lieber kleiner Hund!“
Meine Mutter hatte Angst um mich und vor dem Hund und sie bat mich inständig, doch endlich da weg zu kommen, was ich aber nicht einsehen wollte.
Sie hat tüchtig mit mir geschimpft, als ich dann endlich wohlbehalten wieder zu Hause war und danach entwickelte ich dann auch Angst vor dem Hund und später auch vor fremden Hunden, die mir auf dem Schulweg begegneten.
Einmal schleppte ich eine Katze nach Hause. Ich soll ihren Kopf unter dem Arm gehabt haben und der Körper habe herunter gehangen. Der Katze ist aber nichts passiert.
„Katzen haben sieben Leben!“, sagte meine Mutter.
Manchmal gingen meine Eltern mit uns Kindern in die Wirtschaft, Papa trank ein Bier, Mama ein Gemixtes und wir Kinder bekamen Apfelsinchen, das machte eine schöne orange Zunge vor lauter Farbstoff, aber es schmeckte herrlich. Toll waren auch die Nussautomaten, in die man einen Groschen steckte und dann eine Handvoll rot kandierter Erdnüsse aus einer Klappe holen konnte. Ab und zu durften wir auch eine Mark in die Musikbox stecken und selbst auswählen, was wir hören wollten. Ich drückte immer die E 3, dann erklang das Lied von Heidi Brühl: Wir wollen niemals auseinander gehn, wir wollen immer zueinander stehn. Mit diesem Lied trat sie zunächst in der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix d'Eurovision 1960 an, landete aber hinter Wyn Hoop nur auf Platz zwei.
Hier der Text, den ich noch heute auswendig mitsingen kann:
Sieht man die Menschen sich sehnen und sieht ihren Schmerz ihre Tränen Dann fragt man sich immer nur, muss das so sein? Immer nur scheiden und weinen und immer nur warten und leiden Und hier so wie dort ist ein jeder allein
Schenkt euch immer nur Liebe Schenkt euch immer Vertrauen Nichts ist so schön wie die Worte Die ewigen Worte: Mein Herz ist nur dein
Wir wollen niemals aus einander gehen Wir wollen immer zu einander stehen Mag auf der grossen Welt auch noch so viel geschehen Wir wollen niemals aus einander gehen Unsere Welt bleibt so schön Wir wollen niemals aus einander gehen
Wir wollen niemals aus einander gehen Wir wollen immer zu einander stehen Mag auf der grossen Welt auch noch so viel geschehen Wir wollen niemals aus einander gehen Unsere Welt bleibt so schön Wir wollen niemals aus einander gehen
Nach einer großen Karriere in Amerika kehrte sie nach Deutschland zurück und starb im Alter von 49 Jahren an Brustkrebs. Ich habe sie sehr bewundert und sehe ihr markantes Gesicht noch deutlich vor mir.
Heidi spielte als Sechszehnjährige die Dalli in den Immenhof-Filmen, die wir Kinder in der Stube von Pastor Schafhirt anschauen durften und später dann die Wiederholungen, als auch meine Eltern einen Fernseher angeschafft hatten.
Womit ich dann beim Thema „Fernsehen und die Hitparade“ angelangt bin. Diesem Thema und Doris, die damit eng verknüpft ist, widme ich aber ein eigenes Kapitel.
Als Heinrich, der Besitzer der Kneipe, einen Schlaganfall erlitt, wurde die die Gastwirtschaft wenig später geschlossen. Auch der Lebensmittelladen zog nicht mehr so gut.
Den sanften Heinrich hatte man mit einer Trillerpfeife ausgestattet und das nahm ihm seine Sanftheit, denn immer, wenn er etwas brauchte oder wollte, trillerte er so laut, dass es einem durch Mark und Bein fuhr. Selbst auf der Straße konnte man das hören.
Dreimal in der Woche kam jetzt ein Milchwagen, der die Anwohner der Straße mit den frischen Lebensmitteln versorgte. Milch wurde in einer „Düppe“ eingekauft, die konnte man so schön mit einem Arm kreisen lassen und wenn man das schnell genug hinbekam, dann klappte das sogar mit der vollen Düppe, ohne dass ein Tröpfchen Milch verloren ging. Ab und zu gab es aber mal ein Unglück, und aus einem Liter Milch wurde ein Halber, dann gab es eben keinen Pudding.
Der Milchwagenfahrer „Tönne“ abgeleitet aus seinem Vornamen Anton, machte seine Witzchen mit uns und auch er hatte ein großes Herz und beschenkte uns Kinder.
Meine Mutter, die aus der „Stadt“ kam und kein Plattdeutsch kannte, war immer davon ausgegangen, dass „Tönne“ der Familienname war und sie sprach in einmal so an: „Guten Tag, Herr Tönne“, er muss schrecklich gelacht haben und kriegte sich gar nicht wieder ein.
Manchmal treffe ich ihn heute noch. Den Milchwagen hat mittlerweile sein Sohn Ludger übernommen, er beliefert noch immer die abgelegenen Häuser und ist bei den Hausfrauen sehr beliebt.
Ich weiß gar nicht, ob ich das schreiben darf, denn wer weiß, wer diese Aufzeichnungen mal zu lesen bekommt. Tönne fuhr gern in Schlangenlinien, was aber nicht an mangelnden Fahrkünsten lag, sondern wohl eher daran, dass er in seinem Wagen auch Schnaps verkaufte. Sicher musste er ab und an mal probieren, ob denn der Schnaps noch gut ist, bevor er ihn an seine verehrten Kunden verkaufte. In der damaligen Zeit war das kein Problem, es gab auch noch keine Alkoholkontrollen und so weit ich weiß, ist ihm auch nie etwas passiert. Heute wäre es undenkbar. Aber das nur am Rande und weil es zu meinen Erinnerungen gehört.
Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)
„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.
Das Bild habe ich im Internet gefunden, leider weiß ich nicht, bei wem das Copyright liegt. Sollte sich der Eigentümer des Bildes herausstellen, werde ich das (c) nachtragen.
Das ist die Donnerburg, eine Aufnahme von ca. 1917
Der Fabrikhof , ein Ort zum Spielen
Hinter dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, lag die Näherei und zwischen Produktionshallen und Haus war der Fabrikhof.
Nach Feierabend durften wir Kinder dort spielen, es war ein wahres Paradies für uns mit vielen Ecken und Winkeln zum Verstecken.
Es gab eine alte Halle und eine neue Halle. Hinter der alten Halle hatten zwei Schäferhunde ihr Revier, Harras und Greif hießen sie und ihre Aufgabe war es, Einbrecher abzuschrecken. Sie hatten einen großen Zwinger und genügend eingezäunten Auslauf. Ich weiß nicht mehr, ob die Hunde nachts frei auf dem Fabrikgelände herumliefen.
Hinter der neuen Halle erstreckte sich ein langes Rasenstück und dahinter ein hoher Maschenzaun mit Stacheldraht oben, damit niemand drüber steigen konnte. Hinter diesem Zaun gab es eine kleine Barackensiedlung, der „Judenknapp“ wurde sie genannt. Man erzählte uns, dass dieser Platz ehemals ein Judenfriedhof gewesen sei. doch niemand wusste es so ganz genau, deshalb recherchierte ich ein wenig und fand in einem Buch das Folgende:

Zitat aus dem Buch: „Unser liebes gutes Verl hat alle Anziehungskraft für mich verloren“, von Volker Schockenhoff:
Katasterauszug. Nachweislich beerdigt wurden hier zwei Kinder von Calman und Röschen Hope, Gustav (gestorben 1853) und Bernhardine (gestorben 1854), sowie Nathan Josua und seine Frau Helene Hope. Möglicherweise steht die Anlage einer eigenen Begräbnisstätte in Zusammenhang mit dem gleichzeitigen Versuch, sich von der Synagogengemeinde Neuenkirchen zu lösen. Die Parzelle befand sich bis 1938 im Besitz von Laura Hope und wurde nach der Progromnacht von der Gemeinde Verl aufgekauft. Nach mündlicher Überlieferung wurden die Grabsteine in der NS-Zeit zunächst umgeworfen, lagen mehrere Jahre herum und waren dann verschwunden. Die Amtsverwaltung antwortete 1947 auf eine Aufforderung durch die Regierung, in der NS-Zeit zerstörte jüdische Friedhöfe wiederherzustellen, lapidar: „Ein jüdischer Friedhof ist im hiesigen Amtsbereich nicht vorhanden. In der Gemeinde Verl sind vor Jahrzehnten in einem Waldstückchen einige Juden beerdigt worden. Von den Gräbern ist jedoch nichts mehr zu sehen. In dem vorliegenden Falle kann daher auch nicht von einem Friedhof gesprochen werden.“ Zitat Ende.
Mittlerweile ist dieser Ort wieder seiner ehemaligen Bedeutung zugeführt worden, am 11. November 2000 wurde zehn Eichen dort gepflanzt. Der Ort soll ein Mahnmal sein für die dunklen Zeiten der Vergangenheit. Am 15-4-2007 besuchte ich diesen Platz und traute mich das erste Mal auch hinter die Absperrung, die Eichen habe ich nicht gefunden. Das konnte ich auch nicht, denn ein Anwohner erzählte mir, dass diese Bäume längst eingegangen seien.
In dieser Siedlung, die einem Zigeunerlager glich, lebten drei oder vier Familien, denen man nachsagte, dass sie allerlei auf dem Kerbholz gehabt haben sollen. Ihre Häuser waren aus leichtem Holz gebaut und hatten weder Strom noch Heizung. Überall waren Wäscheleinen zwischen die Bäume gespannt und wir lachten über die großen Unterhosen, die dort hingen.
Wir Kinder wurden angehalten, uns nicht in der Nähe des Zaunes aufzuhalten und schon gar nicht Kontakt zu den Leuten dort aufzunehmen.
So richtig eingesehen haben wir das nicht, denn bei diesen Menschen ging es äußerst munter zu. Da wurde gefeiert und gelacht und manchmal gab es auch laute Musik. Die Familien hatten auch Kinder und später in der Schule trafen wir eben diese Kinder ja sowieso und sie wurden unsere Klassenkameraden.
Grundschulzeit 1961-1965

Eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben haben meine ersten Lehrer gespielt. Vieles von dem, was wir in der Volksschule, außer dem Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, hat mich geprägt und ich bin noch heute sehr dankbar, dass diese wunderbaren Lehrer so vielfältige Ideen hatten, um uns Kindern etwas mitzugeben, das bis heute trägt.
Mal davon abgesehen, dass ich in den Junglehrer, der mich in der ersten und zweiten Klasse unterrichtete unsterblich verliebt war, gab es zwei weitere Lehrpersonen, das Ehepaar Adam, das für die Schüler lebte.
Die kleine Schule hatte nur wenige Räume und auch nicht allzu viele Schüler, so dass die erste und zweite Klasse in einem Raum unterrichtet wurde. Das ging erstaunlich gut, ich habe das auch später nie als Manko empfunden.
Insgesamt wurden acht Klassen unterrichtet und die Schulgemeinschaft fühlte sich an wie eine große Familie. Noch heute treffe ich ehemalige Schulkameraden aus der damaligen Zeit und immer ist Zeit für einen kleinen Tratsch am Rande des Alltags.
Drei Schülerinnen aus meinen ersten vier Schuljahren sehe ich mehr oder weniger regelmäßig, Anke, Heidi und Marianne. Schon in der ersten Klasse bildeten wir ein vierblättriges Kleeblatt, nach der vierten Klasse trennten sich unsere Wege, weil wir verschiedene weiterführende Schulen besuchten.
Marianne trug immer eine Schürze, ich glaube, dass ich das Muster heute noch zeichnen könnte, so deutlich habe ich es vor Augen. Marianne verdanke ich eine Narbe auf meinem linken Handrücken. Wir spielten Himmel und Hölle, dazu kreuzten zwei Mädchen die Hände und die dritte musste sich draufsetzen, wenn „Himmel“ angesagt war. Silberringe mit einer Koralle in der Mitte waren angesagt, Marianne besaß auch so einen Ring und als sie dran war, auf unseren Händen zu sitzen und wir sie hoch hoben, krallte sie sich ängstlich an meiner Hand fest und dabei ratschte der Ring über meinen Handrücken. Zunächst sah man gar nichts, es war nur ein weißer Strich, der aber höllisch schmerzte, nach einigen Sekunden begann es dann zu bluten, so heftig, dass ich beinahe umgekippt wäre. Ich konnte kein Blut sehen, hatte schon öfter die Erfahrung gemacht, dass sich mein Hirn dann einfach eine Auszeit nahm und ich an Ort und Stelle umkippte.
Heidi war die erste Freundin, die ich zu meinem Geburtstag einladen durfte. Als Kind hatte sie ein wenig Ähnlichkeit mit der Heidi von Johanna Spyri und genau so niedlich war sie. Klasse war auch, dass sie auf meinem Schulweg wohnte und morgens schon auf mich wartete, damit wir gemeinsam weiter fahren konnten. Dabei spielte auch ihre große Schwester Christine eine wichtige Rolle, sie beschützte uns vor dem schwarzen Spitz, der mir so große Angst einflößte. Jeden Morgen war es eine große Überwindung an dem Hof vorbei zu fahren, auf dem dieser Hund wachte.
Ein bisschen ärgerlich war ich, als wir in der Schule Einwohnermeldeamt spielten. Wir bekamen richtige Personalausweise und manche Schüler heirateten sogar. Heidi heiratete Jochen, den hätte ich sehr gern gehabt und es tat schon weh, als ich das mit ansehen musste.
Auch Anke und Marianne heirateten, ich nicht. Ich war beleidigt!
Mir Anke ging ich dann nach den ersten vier Schuljahren weiter zum neusprachlichen Mädchengymnasium, wo sich unsere Wege aber bald wieder trennten, weil Anke Latein wählte und ich in den Französischzweig eingeschrieben war.
In meinem Weihnachtsgeschichten-Buch gibt es eine Geschichte, die heißt: Das Krippenspiel. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit, die ich erlebte, als ich die Rolle der Maria im Weihnachtstheaterstück spielen durfte. Ich sollte eine Kerze anzünden, genau zu dem Zeitpunkt, als das Christkind geboren wurde und die Kinder sangen „Es ist ein Ros entsprungen“. Ich konnte aber nicht mit Zündhölzern umgehen, was ich aber nicht zugeben wollte. Also versuchte ich es und ließ, als das Hölzchen endlich brannte, los und es landete im Krippenheu, was beinahe ein Unglück gegeben hätte. Die Aufgabe wurde mir dann abgenommen, mein Josef erledigte das ganz souverän, Karl-Heinz… ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ich habe ihn nie wieder gesehen, nachdem ich die Schule verlassen hatte. Dabei haben unsere Väter ihre letzte Ruhestätte auf dem kleinen Waldfriedhof beinahe nebeneinander gefunden. Ich habe schon so oft an meinen Josef gedacht.
Manchmal treffe ich noch König Drosselbart, ich glaube er ist Reporter bei der hiesigen Tageszeitung geworden. Mit ihm habe ich getanzt, als wir in der vierten Klasse das Stück: Mareili im Märchenland aufführten. Ich war das Dornröschen, trug ein rosa Nachthemd, auf das meine Mutter rote Krepprosen genäht hatte und meine roten Schuhe waren ungefähr zwei Nummern zu groß. Aus diesem Grund steckten wir Watte in die Spitze. Ich sollte mit dem König Drosselbart ein Tänzchen machen, machte ich auch, was gar nicht so leicht war mit den großen Schuhen. Drosselbart trug übrigens eine weiße lange Unterhose mit aufgenähten Goldbändern und einen roten Umhang.
Das Theaterstück hat mich immer begleitet, ich habe eine Geschichte drüber geschrieben, die ich hier in meine Erinnerungen einfügen werde. Sie ist frei nach meiner Erinnerung geschrieben und erhebt keinen Anspruch auf originalgetreue Wiedergabe. Aus diesem Grund habe ich auch die Hauptperson kurzerhand ausgetauscht, so dass es eine ganz neue Story geworden ist.
Schneeweißchen und Rosenrot 1961-1965
Anke hatte engelblondes Haar und blaue Augen, Heidi schwarze Haare und braune Augen. Die beiden waren klein und zierlich, entzückende Mädchen und meine Freundinnen der ersten Schuljahre. Wir waren ein Dreiergespann und wenn eine von uns Geburtstag hatte, dann wurden die beiden anderen eingeladen, das war selbstverständlich.
Heidis Mutter arbeitete in der Näherei, in der auch mein Vater beschäftigt war. Deshalb kam sie häufig nach der Schule noch mit zu mir, manchmal holte sie ihre Mutter ab oder besuchte sie in der Mittagspause. Schon aus diesem Grund war unser Kontakt etwas intensiver, als der mit Anke, die in eine ganz andere Richtung fahren musste. Ein einziges Mal habe ich sehr bedauert, dass es so war. Damals hatte ich Modebildchen mit in die Schule genommen. Das waren so kleine Pappkärtchen, auf denen schöne Frauen abgebildet waren, die die neueste Mode trugen. Ich glaube sie waren in den Haferflockentüten als kleines Geschenk. Ich nötigte meine Mutter also immer wieder, die Kölln-Flocken zu kaufen, damit ich ein weiteres Bild in meine Sammlung aufnehmen konnte. An besagtem Tag hatte ich alle Bilder mit in die Schule genommen, um sie meinen Freundinnen zu zeigen. Ich war mächtig stolz auf das Päckchen Bilder, das ich mit einem Gummiband zusammenhielt.
Ich wurde dann auch heiß beneidet und die Bildchen gingen von Hand zu Hand. Bange beobachtete ich, dass sie sich immer weiter von mir entfernten und als sie schließlich bei Hans-Jürgen angekommen waren, ahnte ich Schlimmes. Möglicherweise hat mein ängstlicher Blick auch dazu beigetragen, dass er sich den Scherz erlauben wollte, meinen Schatz aus dem Fenster zu befördern. Das löste bei mir einen Wutausbruch aus und ich schrie wie am Spieß.
Der Lehrer betrat das Klassenzimmer, genau der, in den ich so verliebt war, und kam auf mich zu. Mir schoss die Röte ins Gesicht und ich schämte mich so sehr.
„Warst du das etwas, die gerade so gebrüllt hat?“, fragte er mich erstaunt, denn einen derartigen Ausbruch hatte es vorher von meiner Seite noch nie gegeben.
Ich nickte beschämt mit dem Kopf und schon kamen die Tränen.
„Er wollte mir meine Bilder wegnehmen“, flüsterte ich kaum hörbar.
„Das ist doch kein Grund dafür, so laut zu schreien, dass wir alle dich im Lehrerzimmer hören konnten!“, schimpfte er. Meine Klassenkameraden lachten, sie gönnten es mir wohl, dass ich auch mal ausgeschimpft wurde. Meist war ich eine vorbildliche Schülerin, von manchen auch Streberin genannt.
Ich wurde auch bestraft, musste eine Stunde lang nachsitzen und fünfzig Mal in mein Heft schreiben: Ich darf in der Klasse nicht so laut schreien, dass man mich im Lehrerzimmer hören kann.
Das Schlimmste daran aber war für mich, dass Heidi schon nach Hause durfte und meiner Mutter natürlich erzählte, dass ich nachsitzen musste. Sicher hat sie das nicht aus Sensationslust gemacht, meine Mutter wird sie gefragt haben, weil sie sich sorgte, wo ich denn blieb. Ich habe aber Heidi noch am gleichen Tag vergeben, dass sich nicht auf mich gewartet hat und wir blieben beste Freundinnen.
In der dritten Klasse bekamen wir eine Lehrerin statt des jungen Lehrers, der uns die ersten zwei Jahre durch die Schulzeit geleitete. Ich habe an anderer Stelle schon davon erzählt, möchte es aber in diesem Zusammenhang noch einmal tun.
Frau Adam unterrichtete uns mit viel Liebe und Energie. Sie verstand es, uns dermaßen in ihren Bann zu ziehen, dass wir gar nicht bemerkten, dass das Schule war, das sich da abspielte. Für mich war es einfach nur ein großes Abenteuer und machte jeden Tag aufs Neue einen Riesenspaß. Theaterstücke wurden erarbeitet, es wurde gesungen, gebastelt, gespielt und gelernt.
Viele Themen wurden uns so anschaulich vermittelt, dass es kein Wunder ist, dass noch heute immer mal wieder die Stimme der Lehrerin in meinem Kopf herumspukt, die mir sagte: „Als und wie verwechsle nie“, dafür gab es sogar eine kleine Kasse, in die wurden fünf Pfennig eingezahlt, wenn ein Kind immer wieder an der falschen Stelle ein als oder wie anbrachte. Es hat gewirkt, nachhaltig.
Mein liebstes Fach war Heimatkunde, denn diese Schulstunden fanden meist im Freien statt. Die große Sprunggrube wurde kurzerhand als Sandkasten umfunktioniert und maßstabgerecht bauten wir dort den Ort auf, in dem wir lebten, mit allen Laub- und Nadelbaumwäldern, nichts fehlte. An das Bild kann ich mich erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Schade, dass es davon kein Foto gibt.
Frau Adam war es auch, die Anke und Heidi „Schneeweißchen und Rosenrot“ nannte. Mich hat das ein wenig gekränkt, denn als Dritte im Bunde, hatte ich keinen Platz in diesem Märchen, was mir mächtig Kummer machte. Diese Sorge wurde mir erst vom Bauch genommen, als ich in unserem Theaterstück die Rolle des „Dornröschen“ spielen durfte. Immerhin war ich da eine richtige Prinzessin und hatte einen eigenen Prinzen.
Frühjahr 1961 Vom Schreibenlernen und Vox-Kaffee
Es war spannend schreiben zu lernen. Meine Freundin Anne und ich probierten am Nachmittag den neu jeweils neu erlernten Buchstaben aus und fügten ihn mit den bereits bekannten zusammen. Auch wenn wir es als Freundinnen ganz schrecklich fanden, dass wir verschiedene Schulen besuchten, so muss ich heute sagen, dass es durchaus auch Vorteile hatte. Anne besucht die große Volksschule im Ort, ich hingegen ging zur Zwergenschule für evangelische Kinder.
Wir lernten andere Buchstaben als die Kinder der Marienschule und so konnten Anne und ich wunderbar davon profitieren, dass wir uns bereicherten, indem wir immer die Buchstaben der anderen gleich mitlernten. So kam es, dass wir beide ganz schnell das Lesen und Schreiben erlernten und immer den anderen Kindern ein Stückchen im voraus waren.
Wir hatten stets genügend Papier und Stifte zur Verfügung und schrieben und schrieben. Die Nachbarschaft bekam Briefe, an den Bäumen verteilten wir Plakate und machten Werbung für unseren Bauchladen, den wir uns in der Tischlerwerkstatt von Annes Vater gebastelt hatten und natürlich führten wir ein Tagebuch. Was gäbe ich dafür, dieses Büchlein heute noch einmal lesen zu dürfen, leider wissen wir nicht, wo es abgeblieben ist.
Wenn wir mittags aus der Schule kamen, trafen wir uns schon vor dem Mittagessen, um uns für den Nachmittag zu verabreden. Da wir in der gleichen Straße wohnten, hatten wir keine weiten Wege und unsere Eltern förderten unsere Freundschaft. An einem Tag waren wir bei Anne, dann wieder bei uns. Meine Freundin hatte einen ganz besonderen Duft, ich habe eine feine empfindliche Nase und kann Menschen mit verbundenen Augen erkennen – Anne roch nach Milchnudeln mit Zimt und dieser Geruch gefällt mir und gerade jetzt, da ich an sie denke, habe ich ihn in der Nase.
In unserer Straße, die eigentlich ein schwarzer Schotterweg war, gab es ein Lebensmittelgeschäft mit einer dazugehörenden Gastwirtschaft „Zum sanften Heinrich“. Wir Kinder gingen in den Laden, um uns Karamellbonbons für einen Pfennig zu kaufen. Manchmal reichte es für fünf Stück dieser köstlichen Süßigkeit. Ab und zu genehmigten wir uns einen Kirschlutscher für zwei Pfennig und wenn Oma und Opa da waren, dann gab es Taschengeld und das wurde in Negerküsse investiert.
Tante Käthe schenkte uns auch ab und zu mal etwas, manchmal war es ein Hefeteilchen vom Vortag, das sie uns in mundgerechte Häppchen schnitt und auf ein Papptablett legte. Ein anderes Mal gab es eine dicke Scheibe Fleischwurst.
Einmal stand ein kleiner Lieferwagen vor Tante Käthes Geschäft. Er war dunkelbraun und hatte große gelbe Buchstaben. Wir ärgerten uns darüber, dass das Fahrzeug so schmutzig war. Wir konnten die wunderschönen Buchstaben kaum entziffern und putzten sie mit unseren Taschentüchern sauber. Früher trugen die Mädchen immer ein Taschentuch in ihrer Kittelschürze mit sich herum. Ich hatte wunderschöne Märchenmotive auf meinen Tüchern und war sehr stolz darauf. Zum Naseputzen waren die viel zu schade, nicht aber zu schade, um Buchstaben freizulegen.
Vox-Kaffee stand da, auch wenn wir das X noch nicht durchgenommen hatten, so kannten wir es bereits. Das erfüllte uns mit ganz besonderem Stolz. Wir freuten uns so über die Erkenntnis, dass wir jetzt alles lesen konnten, selbst die Aufschriften auf schmutzigen Lieferwagen, dass wir dem Fahrer gern auch zeigen wollten, dass wir schreiben können. Wir malten also auf eine große freie Fläche ohne Buchstaben folgenden Hinweis auf das verdreckte Fahrzeug: Puttsfrau gesucht!
Gerade hatten wir den letzten Buchstaben hingemalt, da kam der Vertreter laut schimpfend aus dem Geschäft. Ich erinnere mich genau an seine Worte, denn tagelang später habe ich noch Angst gehabt ihm erneut zu begegnen.
„Ihr blöden Gören, Hände weg von meinem Auto, sonst hole ich die Polizei!“, schrie er. Anne hatte sich ihr Fahrrad geschnappt und ich rannte so schnell ich konnte hinter ihr her. Erst im Gemüsegarten von Annes Eltern ließen wir uns hinter die großen Bohnen plumpsen und fühlten uns in Sicherheit. Der Schreck saß uns in den Gliedern und keine von uns wagte es, ihren Eltern davon zu erzählen. Der Mann hatte mit der Polizei gedroht und wir waren davon überzeugt, dass er das absolut ernst gemeint hatte.
Auch später, wenn mir ein Vox-Kaffee Wagen begegnete, meldete sich mein schlechtes Gewissen und wahrscheinlich wäre das noch heute so, wenn es diese Kaffeemarke noch gäbe.
Unsere Schreibkünste haben wir jedenfalls nicht mehr auf schmutzigen Autos ausprobiert.
Nach der vierten Klasse verloren wir uns ein wenig aus den Augen. Neue Freundschaften bildeten sich und auch die Interessen gingen ein wenig auseinander. Das Gymnasium forderte mich, stundenlang saß ich über meinen Hausaufgaben. Ich fing an Geige zu spielen und musste täglich eine Stunde üben. So blieb kaum noch Zeit für uns. Erst Jahre später vertiefte sich der Kontakt wieder und heute treffen wir uns nur noch selten, um über die alten Zeiten zu plauschen.
Sie riecht nicht mehr nach Milchnudeln mit Zimt und sie nennt mich auch nicht mehr Gina, die Vertrautheit ist verschwunden und lässt sich auch wohl nicht zurückholen. Zu viel ist passiert, zu viele Jahre sind vergangen. Aber ich werde sie niemals vergessen, meine erste Freundin.
1060-1970 Neische
Das war eine wahre Festwoche, wenn Fräulein Hollenhorst zu uns kam. Wer ihr den Spitznamen die „Neische“ verpasst hat, weiß ich nicht mehr.
Während ich an sie denke, sehe ich sie deutlich vor mir, mit frisch dauergewellter, blonder Kurzhaarfrisur und Korallen-Ohrringen, die bei jeder Kopfbewegung so herrlich hin- und her wackeln. Zwischen die Lippen hatte sie drei, vier Stecknadeln geklemmt, damit diese immer griffbereit waren.
Schneiderin war sie und sie fuhr mit ihrem Fahrrad von Haus zu Haus, blieb dort ein paar Tage und nähte die neueste Saisonkollektion für die gesamte Familie. Selbstverständlich wurde der Stoff vorher im Sonderangebot eingekauft und so konnte es sein, dass alle drei Kinder Kleidung aus dem gleichen Stoff bekamen, meine Schwester und ich Trägerröcke, meine Bruder eine Latzhose, oft kariert, immer superchic.
Selbst als einmal der Riemen der Singer-Tretnähmaschine riss, behielt sie die Ruhe. Es wurde kurzerhand ein Riemen bei Tante Strothmann, der Nachbarin ausgeliehen.
Aber das war nicht das Wichtigste, für uns Kinder, dass wir neue Kleidung bekamen, viel bedeutsamer war, dass es nach jedem Mittagessen auch einen Nachtisch gab und das war sonst nur am Sonntag der Fall.
Meine Mutter gab sich natürlich ganz besonders große Mühe beim Kochen, weil sie den Gast ja ordentlich bewirten wollte.
Wenn man Fräulein Hollenhorst eine Frage stellte, antwortete sie meist kurz und bündig, doch ein einfaches Ja gab es bei ihr nicht, sie „sagte“ stattdessen Hö-ö-hö und nickte salbungsvoll mit dem Kopf.
Nach dem Mittagessen las sie in Ruhe die Tageszeitung und trank eine Tasse Kaffee, um nach einer Dreiviertelstunde wieder an ihre Arbeit zu gehen.
Ich habe ihr gern zugesehen und wenn ich nicht schon den Entschluss gefasst gehabt hätte, Lehrerin zu werden, dann wäre ich sicher Damenschneiderin geworden, so sehr habe ich sie bewundert. Auch dachte ich mir, dass ich dann sicher wunderbare Sachen zum Mittagessen vorgesetzt bekommen hätte, ein weiteres Argument für diesen Beruf.
Sommerferien 1961
Sechs Wochen Sommerferien standen bevor. Meine Eltern brachten mich zu den Großeltern, in deren Haus ich auch geboren wurde.
Ich war gern bei Oma und Opa, sie hatten Zeit für mich, uneingeschränkt. Stundenlang arbeitete ich mit meinem Großvater im Garten. Besser gesagt, er arbeitete und ich unterhielt ihn. Manchmal kam er nicht dazu, auch nur einen einzigen Satz zu sagen, weil ich ihm keine Lücke ließ. Sicher habe ich ihn ab und zu genervt, weil meine Plapperschnute einfach nicht stillstehen wollte.
Eines Tages kam er auf die Idee, mir kleine Aufgaben zu geben. Das hatte den Vorteil, dass ich beschäftigt war und er in Ruhe den schweren Lehmboden beackern konnte.
Ich weiß noch genau wie es war, als er meine Schaukel anhielt, in der ich laut singend ein paar Minuten verbracht hatte.
„Komm doch mal mit, ich habe eine Arbeit für dich!“ Neugierig sprang ich hinter ihm her. Zuerst ging es in sein geliebtes Treibhaus, dort holte er einen kleinen Blecheimer aus der Ecke und drückte ihn mir in die Hand.
„Nimm mal, ich suche noch die Rosenschere und dann kann es losgehen“, sagte er.
„Messer, Gabel, Schere, Licht…“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
„…sind für kleine Kinder nicht, ich weiß. Aber du bist doch schon ein großes Mädchen und kannst mit einer Schere umgehen, oder?“
Er legte die Schere in den Eimer, nahm mich bei der Hand und ging mit mir zum Rosenbeet, das sein ganzer Stolz war.
Rosen in allen Farben gab es da und alle dufteten ein wenig anders, manche waren langstielig, andere buschig und wieder andere kletterten am Jägerzaun hoch, der den Garten vom Nachbargrundstück trennte.
„Und was soll ich machen, Opa? Ich soll doch nicht die schönen Rosen abschneiden, oder?“
„Untersteh dich, nein, das sollst du natürlich nicht. Aber es gibt so viele verblühte Rosen, die sollst du abschneiden, dann haben die anderen wieder mehr Kraft zum Blühen und das Beet sieht auch gleich viel schöner aus.“ Er nahm die Schere und zeigte es mir.
„Schau her, du nimmst die Blüte in deine linke Hand und mit der rechten Hand knipst du sie ab. So!“
„Das ist ja ganz leicht, ich versuche es mal.“ Ich kam mir ganz schön wichtig vor, weil ich jetzt bestimmen durfte, welche Rose verblüht war und welche Blüte noch ein paar Tage halten würde. Ich klemmte die Zungenspitze zwischen meine Lippen, so dass sie vorwitzig aus dem Mund schaute, denn das machte mein Opa auch immer, wenn er sich konzentrieren musste. Ich hatte das beobachtet, als er abends über seinen Kreuzworträtseln saß und es hatte mir gut gefallen. Nachdem ich das vorm Spiegel geübt hatte, beschloss ich, das für mich zu übernehmen und noch heute erwische ich mich dabei, besonders wenn ich male oder schreibe.
Ich sprach mit den Rosen, erklärte ihnen, dass es gar nicht weh tut, wenn ich eine Blüte abschneide und dass ich es nur gut mit ihnen meine. Manchmal entdeckte ich kleine schwarze Läuse, dann lief ich schnell zu meinem Opa und meldete den Vorfall.
„Komm ganz schnell, Opa. Ich habe was Schreckliches entdeckt!“
Nachdem das so an die zwanzig Mal passiert war, versorgte er mich mit einer Sprayflasche, in die er Wasser und Geschirrspülmittel gefüllt hatte. Damit besprühte ich die Rosenblätter und nahm mir vor, später mit meinem Opa darüber zu reden, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir Marienkäfer sammelten, die doch die Läuse auffressen könnten.
„Im nächsten Sommer werde ich Lavendel aussähen, den setze ich zwischen die Rosen, dann werden sie nicht so schnell von Läusen befallen, das Käfersammeln wäre doch ein wenig mühsam, findest du nicht?“, fragte er lachend.
Um drei Minuten vor Zwölf rief meine Oma Dele, die mit vollem Namen Katharine, Marie, Johanne, Adele hieß, zum Essen und um Punkt zwölf saßen Opa und ich mit schmutzigen Gesichtern und gewaschenen Händen am Tisch und ließen es uns schmecken. Manchmal gab es „Blindes Huhn“, ein Eintopfgericht mit Möhren, Kartoffeln und weißen Bohnen, das ich besonders gern mochte und immer gab es Pudding zum Nachtisch. Den Geschmack dieses Essens habe ich noch heute auf der Zunge und oft habe ich schon versucht, es nachzukochen. Leider gelingt es mir nie, es so hinzukriegen, dass es schmeckt wie bei Oma.
Dann war Mittagsruhe, Opa schlief auf dem Sofa, Oma im Bett und ich im großen Fernsehsessel, Opa hatte mir sein dickes Sofakissen gegeben, so dass ich daran schnuppern konnte. Ich habe meinen Opa sehr geliebt und ich mochte seinen Duft so sehr. Von diesem Duft habe ich immer ein Fläschchen im Hause, es riecht nicht ganz so toll wie es an meinem Opa gerochen hat, aber es gibt mir die Erinnerung beinahe eins zu eins zurück, Klettenwurzelöl. Opa hatte nur noch wenige Haare und dem Klettenwurzelöl traute er zu, dass es eines Tages seine Haare noch einmal neu sprießen ließe.
Am Nachmittag half ich dann meiner Oma ein bisschen und manchmal fuhr Opa mit mir in den Tierpark, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die bei nächster Gelegenheit erzählt werden möchte.

Mein Vater war in einer Näherei beschäftigt, zuerst war er dort Nähmaschinenmechaniker, später Betriebsleiter, was für uns bedeutete, dass wir die größere Betriebswohnung beziehen durften. Die Näherei war ein großer Gebäudekomplex, u-förmig aufgebaut, mit zwei Produktionshallen, Lehrwerkstatt, Büros und Betriebswohnungen in einem großen Haupthaus. Der Fabrikhof durfte von uns Kindern nach Feierabend zum Spielen benutzt werden, dort gab es herrliche Ecken zum Verstecken und eine große „Bleiche“, wo auch die Wäsche getrocknet wurde. Es gibt noch ein altes Bild von dem Haus, das ich meiner Mutter mal abschwatzen muss, damit ich es demnächst zu dieser Episode aus meinem Leben stellen kann.
Vor uns hatte in der großen Wohnung der „alte“ Betriebsleiter mit seiner Frau und Uschi, der Nichte gewohnt. Uschi war ein paar Jahr älter als ich, ich glaube es waren sechs Jahre. Sie war für mich der Inbegriff von Schönheit und Intelligenz, wie gern wäre ich gewesen wie sie. Ein helles Lachen von ihr konnte mich in Verzücken versetzen. Ich liebte es, ihr beim Zeichnen zuzusehen und irgendwann fing ich an, sie zu kopieren. Am liebsten wäre ich jeden Tag zu ihr gegangen, aber das erlaubten meine Eltern nicht.
„Uschi muss lernen, sie geht ja schon zum Gymnasium.“
Für mich stand fest, dass ich auch einmal zum Gymnasium gehen wollte. Ich hatte ein ganz klares Ziel: Ich werde Lehrerin.
Uschi wurde von ihrer Tante Adi (Adele) und Onkel Karl verwöhnt. Die beiden hatten keine eigenen Kinder und die Nichte wuchs bei ihnen auf, weil sich deren Eltern scheiden ließen. Die genauen Umstände kenne ich nicht, darüber sprach man damals nicht so offen und es war mir auch egal. Hauptsache war, dass sie in meiner Nähe wohnte und ich sie bewundern durfte.
Ich erinnere mich daran, dass Uschi immer gertenschlank war und ich als pummeliges kleines Mädchen beneidete sie heiß um ihre Figur. Dabei aß sie bei jeder Gelegenheit „Brei“, das waren Haferflocken mit Milch, Kakao und Zucker. Ich mochte das auch so gern, aber bei uns gab es das selten, meine Mutter achtete auf eine gesunde Mischkost und wollte nicht, dass wir Kinder zu viel Zuckerzeug aßen. Recht hat sie gehabt, das sah ich damals aber nicht ein.
Heiß beneidete ich Uschi auch um ihr eigenes Zimmer, das ein kleines Ankleidezimmer beinhaltete, mit Waschbecken. Ein Traum – ich ahnte damals nicht, dass ich dieses Zimmer später einmal bewohnen würde. Allerdings musste ich es mit meiner Schwester teilen, trotzdem war es eine tolle Zeit.
Einmal ging Uschi mit uns, meiner Freundin Anne und mir, zu einem Bauernhof in der Nachbarschaft. Die Oma war verstorben und wurde, wie früher so üblich, zu Hause aufgebahrt. Wir besuchten sie ein letztes Mal. Das war meine erste Begegnung mit dem Tod. Die Angehörigen fanden das wohl ganz normal, dass wir Kinder die Großmutter noch einmal sehen wollten und führten uns in das Zimmer, in dem die alte Dame in ihrem Bett lag als schlafe sie. Sie sah sehr friedlich aus, ihre Hände waren gefaltet und ein Rosenkranz darüber gelegt. Im Zimmer standen Kerzen und Blumen und ich erinnere mich an die beinahe atemlose Andacht, die ich empfand.
Meine Mutter schimpfte mit mir, als wir zurückkamen. „Das tut man nicht!“, sagte sie und ich fühlte mich schuldig. An diesem Tag gab es Reibeplätzchen, die ich mir trotz allem gut schmecken ließ, den Duft habe ich noch heute in der Nase, den von den Reibeplätzchen, aber auch den Geruch in dem Totenzimmer und immer wenn es irgendwo Reibeplätzchen gibt, dann habe ich die alte Dame vor Augen, wie sie da so friedlich in ihrem Totenbett liegt.
Erst als ich selbst zur Schule ging, hörte ich auf, Uschi nachzuahmen. Sie wurde flügge, besaß sogar eine Solex, mit der sie in die Stadt zur Schule fahren konnte und natürlich hatte sie keine Lust mehr darauf, mit mir zu spielen.
Irgendwann wurde Uschis Onkel pensioniert, sie zogen fort und wir verloren uns aus den Augen. Ich weiß, dass sie einen Zahnarzt geheiratet hat, der hier im Ort praktiziert. Gesehen habe ich sie aber nie wieder.
1962 Hochzeit Renate und Hans
Ein ganz besonderer Tag in meinem Leben war der 31.8.1962. Gerade sieben Jahre alt, interessierte ich mich natürlich weniger dafür, dass an diesem Tag Trinidad und Tobago ihre Unabhängigkeit von Großbrittanien erreichten. Das habe ich erst später erfahren.
Ich war an diesem Tag des Jahres 1962 dazu berufen, einem echten Brautpaar zu Diensten zu sein. Eine wichtige Aufgabe, die ich mit den entsprechenden Vorbereitungen und dem nötigen Ernst gern angenommen habe.
Zu diesem Zweck bekam ich eigens ein neues Kleid, denn schließlich war ich ein Engelchen, ein Blumenkind. Das Kleid wurde von unserer Hausschneiderin genäht und war todchic.
Der feine Batiststoff ließ es wunderschön fallen und ich gefiel mir sehr gut.
Wie alle Hochzeitsgäste, durfte ich auch am Morgen zum Friseur, der mir eine angemessene Frisur zaubern sollte, damit das weiße Kränzchen in meiner Kurzhaarfrisur auch gut zur Geltung kommen konnte.
Die Haare wurden auf viele kleine Lockenwickler gedreht und geduldig harrte ich unter der Trockenhaube aus. Ich konnte es kaum erwarten, mich im Spiegel zu betrachten.
Nachdem die Wickler entfernt waren, konnte ich meine Begeisterung kaum bremsen, sah ich doch meiner Puppe Ulrike zum verwechseln ähnlich. Ich konnte es absolut nicht verstehen, dass diese wunderbaren Locken nun wieder ausgekämmt werden sollten und ich weinte erst einmal ein bisschen. Schließlich ließ ich mich überreden und bekam die Frisur, die den Erwachsenen vorgeschwebt war, toupiert und mit ordentlich viel Spray drauf, damit die Sache auch bis zum Abend hielt.
Renate, die Braut, wurde zu Hause angekleidet und niemand durfte sie sehen. Wir wohnten nebenan und konnten hören, wenn es bei den Strothmanns schellte. Auch, als der Bräutigam kam, waren wir Kinder schnell an der Treppe, neugierig wie wir waren.
Hans kam die Treppe herauf und Renate trat aus der Stubentür. Nie werde ich den Blick des Bräutigams vergessen, als er seine wunderschöne Braut erblickte und niemals werde ich vergessen, wie schön Renate aussah, sie hatte etwas Engelhaftes an sich und ich war mächtig stolz, dass ich ihr Blumenkind sein durfte. Der Bräutigam hatte Tränen in den Augen und ich hätte vor lauter Rührung schon wieder weinen können, was sich an diesem Tage noch einige Male wiederholen sollte.
Dann ging es zur Kirche. Ich erhielt die Anweisung, mein weißes Blumenkörbchen, das am Henkel bezaubernd mit Asparagusranken geschmückt war, gut festzuhalten und nicht vor der Trauung die Blumen und Blüten zu verstreuen, sondern erst dann, wenn das Brautpaar die Kirche verlassen würde. Ich nahm das sehr ernst und nicht einmal die rutschenden Kniestrümpfe ärgerten mich, die meine Mutter zwischendurch immer mal wieder hochziehen musste, weil ich keine Hand frei hatte.
Das Blumen streuen ist ein heidnischer Brauch, der Duft der Blütenblätter soll die Fruchtbarkeitsgöttin anlocken, die dem frisch gebackenen Ehepaar reichlich Nachwuchs schenken soll.
Da ist es doch eigentlich ganz klar, dass das Streuen erst nach der Trauung vorgenommen werden sollte, nicht wahr? Natürlich kannte ich die Bedeutung damals noch nicht, aber Anweisung ist Anweisung, ich hielt mich dran und als man mich darauf aufmerksam machte, dass ich zu Anfang wohl vergessen hätte, Blumen zu streuen, war ich schon wieder den Tränen nahe. Erwachsene sind aber auch sehr kompliziert und wissen nicht was sie wollen.
Ich muss letztendlich dann doch alles richtig gemacht haben, denn Renate und Hans bekamen nicht jede Menge, aber doch zwei Kinder, Susanne und André.
Nach der Trauung ging es in die Waldklause, dort gab es Kaffee und Kuchen und später kamen immer mehr Gäste auch zum Abendessen.
So viel leckere Sachen in einer einzigen Mahlzeit hatte ich bis dahin noch nicht gesehen, es war ja meine erste Hochzeit.
Als ein paar Gäste auf die Idee kamen, eine Platte mit Fleisch hinter der Gardine zu verstecken, damit man später noch einmal zulangen könnte, blieb mir fast das Herz stehen. Ich rechnete damit, dass diese Gaunerei jeden Moment auffallen könnte und dann sicher die Polizei kommen würde, um die Diebe festzunehmen.
Man kann es glauben oder nicht, ich habe mir echte Sorgen gemacht und wieder einmal bahnten sich Tränen den Weg in die Augen.
„Sie ist sicher müde!“, sagte meine Mutter und dann fuhren wir nach Hause. War ich auch, aber eigentlich wäre ich gern noch geblieben.
Was mit der Fleischplatte wurde, habe ich nicht mehr erfahren und die Braut, mit der ich gestern telefoniert habe, wusste es auch nicht mehr.
Sommer 1963
Vor dem alten Hinnerk hatten wir Kinder Angst. Er hatte eine furcht erregende Stimme, die er gebrauchte, sobald wir uns seinem Grundstück näherten. Er polterte los, beschimpfte uns und sein Hund, ein weißer Spitz, der an der Kette lag, stimmte mit wütendem Gebell ein.
Wenn unsere Mutter uns zum Eier holen losschickte, bekam ich sofort Bauchschmerzen, denn es gab keinen anderen Weg zu Tante Grete, als den, der über den Hof von Hinnerk führte.
„Er tut euch nichts, er ist eben ein einsamer alter Mann, der nicht daran gewöhnt ist, mit anderen zu reden. Wahrscheinlich mag er keine Kinder.“, erklärte meine Mutter.
„Und wenn er keine Kinder mag, dann könnte es doch sein, dass er uns was tut!“, protestierte ich und versuchte, mich zu drücken. Das half mir aber nicht, ich war die Älteste und musste gehen, meine Schwester wurde zu meiner Begleitung eingeteilt und Mama versicherte mir, dass sie mich die ganze Zeit sehen könnte und ich mir keine Sorgen machen müsse.
Also stiefelten wir schweren Herzens los und versuchten ganz leise zu sein, wenn wir uns Hinnerks Hof näherten. Doch der Spitz hatte gute Ohren, er meldete seinem Besitzer, dass Fremde im Anmarsch waren und dann dauerte es gar nicht mehr lange bis der alte Junggeselle in der Deelentür erschien.
Keiner von uns konnte verstehen, was er da vor sich hinbrabbelte. Erstens hatte er keinen einzigen Zahn mehr im Mund und zweitens sprach er in einer mir unverständlichen Sprache.
„Na, hat der olle Hinnerk wieder gemeckert?“, fragte Tante Grete, wenn wir an ihrem Küchentisch saßen und mit einem großen Glas Milch versorgt wurden. Ich mochte die Milch eigentlich nicht, in der Bauernküche waren hunderte von Fliegen und es roch so furchtbar nach Silofutter. Trotzdem trank ich das Glas aus, nicht zu schnell, damit Tante Grete nicht annahm, dass sie noch mal nachschenken musste, aber auch nicht zu langsam. Sie sollte doch nicht merken, dass ich mich ekelte, denn sie war eine liebe Frau und sie mochte uns Kinder gern leiden. Tante Grete hatte keine Kinder, sie war schon zu alt, als sie heiratete. Ihr Heinrich war ein herzensguter Mann mit unheimlich großen Füßen. Ich konnte nicht den Blick von diesen Füßen wenden, denn solche Schuhe hatte ich noch nie gesehen. Sie müssen mindestens die Größe 60 gehabt haben.
Wenn wir dann nach Hause wollten, bekamen wir noch einen Blumenstrauß für unsere Mutter, manchmal auch einen Kopf Salat oder ein paar Kirschen. Die Eier wurden in einen Korb gepackt und dann war es wieder soweit, zurück ging es über Hinnerks Hof.
Einmal hatten wir Kirschen bekommen und die Ohren damit geschmückt. Kirschohrringe waren wunderschön und so praktisch, man konnte sie am Abend einfach aufessen und sich am Morgen neue pflücken.
Der Hinnerk stand in der Wiese und wartete auf uns. Als er die Kirschen an unseren Ohren sah, tobte er wie ein Wilder und machte Anstalten über den Zaun zu klettern. Mit erhobenen Armen drohte er uns, glaubte, dass wir seine Kirschen gestohlen hätten. Meine Schwester weinte schon vor Angst und ich ließ den Korb mit den Eiern fallen, schnappte mir meine kleine Schwester und rannte um mein Leben.
Meine Mutter kam uns entgegen, sie hatte am Fenster gestanden und gesehen, dass wir in Panik losgelaufen waren.
„Mama, ich glaube die Eier sind kaputt“, stammelte ich, völlig außer Atem. Doch das interessierte meine Mutter nicht.
„Geht nur schon nach Hause, ich komme gleich nach.“, sagte sie. Dann ging sie zu Hinnerk und auch wenn ich kein einziges Wort verstanden habe, weiß ich, dass sie den Alten so richtig zur Schnecke gemacht hat. Wir mussten von da an auch nicht mehr zum Eier holen gehen und wenn, dann begleitete Mama uns.
Später habe ich erfahren, dass der Hinnerk gar kein so schlechter Kerl war. Aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte.
Nikolaustag 1962
„Du musst wirklich gar keine Angst haben, bist doch schon ein großes Mädchen“, sagte meine Mutter. Die Tränen liefen aber immer weiter, ich wollte nicht, dass der Nikolaus kommt und schon gar nicht mit seinem schwarzen Mann, an den ich mich noch sehr gut erinnern konnte.
Im letzten Jahr hatte mein Papa ein paar Schläge mit der Rute bekommen, das konnte ich einfach nicht vergessen und der Nikolaus hatte in seinem goldenen Buch gelesen, dass mein Zimmer nie aufgeräumt hatte. Papa hatte die Hiebe kassiert, weil er seine Frau und Kinder so oft allein ließ. Ich fand das sehr ungerecht, denn er verdiente doch mit seiner Tanzmusik Geld, das uns allen dann wieder zugute kam.
Ein paar Tage lang hatte es gut geklappt, mit dem Aufräumen. Später habe ich es wieder vergessen und jetzt schlug das schlechte Gewissen.
Meine Geschwister waren ja noch viel jünger, die brauchten gar keine Angst zu haben. Elke sowieso nicht, denn sie war von jeher ein entzückendes und folgsames Kind. Meine ehrliche Meinung ist das, sie war einfach immer lieb und machte meinen Eltern wenig Sorgen. Mein Bruder entwickelte später seinen eigenen Kopf und ich war mit ebendiesem auf die Welt gekommen.
Meine Mama hatte an jenem Nikolausabend aber doch Mitleid mit mir und weihte mich in das große Geheimnis ein.
„Der Nikolaus ist doch gar nicht der richtige Nikolaus. Das ist Jaspers Gertrud, hast du sie denn nicht an der Stimme erkannt?“
Nein, hatte ich nicht. Ich meinte sogar, dass ich gesehen hatte, dass der Engel, der Nikolaus und Ruprecht begleitete, die Treppe hinauf geschwebt war.
Erleichtert sah dem Ereignis entgegen.
Mein Bruder versteckte sich hinter dem Sofa und meine Schwester hinter Mama. Ich trug todesmutig ein Gedicht vor. „Von drauß’ vom Walde komm ich her.“
Ich wurde auch nicht wegen meiner Unordnung getadelt, sondern bekam ein großes Lob wegen meines guten Zeugnisses.
Wir wurden alle reichlich mit Süßigkeiten beschenkt und als der Nikolaus und sein Gefolge auf der Treppe waren, verkündete ich stolz:
„Mama, ich hab sie genau erkannt, die Jaspers Gertrud.“
Dafür erntete ich einen bösen Blick, weil meine Geschwister ja noch weiter an den Nikolaus glauben sollten. Haben sie auch, glaube ich!
1965 Pastor Schafhirt
1965
Er wurde am 6.6.1888 geboren und verstarb an einem achten August. Ich weiß nicht, aus welcher Gegend Deutschlands er kam, doch ließ er sich eines Tages als Pastor der noch winzig kleinen Kirchengemeinde hier bei uns nieder. Er führte seine Schäfchen sicher und mit liebevoller Fürsorge, so sagte man jedenfalls. Als ich ihn kennen lernte, war er bereits in seinen wohlverdienten Ruhestand gegangen. Damals lebte er allein, seine Frau war verstorben und seine Tochter verheiratet.
Seine kleine Wohnung lag auf einem Speicher in dem Haus, in dem ich groß wurde. Wenn ich heute von ihm erzähle, dann glaubt man mir zunächst nicht. Ja, sie erzählt wieder eine ihrer Geschichten, heißt es dann und da ich gerade dabei bin, meine Kindheitserinnerungen aufzuzeichnen, habe ich mich heute mit einem Fotoapparat bewaffnet, um seinen Grabstein zu fotografieren, ein Dokument meiner Kindheit und der Beweis, dass dieser Pastor den Namen „Schafhirt“ hatte.
Der Pastor hatte von allen Dingen zwei Exemplare, zwei Feuerzeuge, zwei Pfeifen, zwei Radios, zwei Gesangbücher, zwei Regenschirme. Er erklärte uns, dass er einmal beim Angeln gesessen habe und sich gemütlich eine Pfeife anstecken wollte und da seien ihm die Streichhölzer ins Wasser gefallen. Darüber habe er sich so sehr ärgern müssen, dass er von da an immer zwei Päckchen in der Tasche trage und mit allen anderen wichtigen Dingen im Leben wolle er es zukünftig auch so halten.
Er besuchte uns an unseren Geburtstagen und brachte uns Schokolade und Zaubernüsse mit, die wie ganz normale Walnüsse aussahen. Knackte man sie, fand sich darin ein 50-Pfennig-Stück und das war für uns eine Sensation. Später hat er uns verraten, dass er diese Nüsse natürlich selbst herstellte und seine Freude daran hatte, wenn die Kinder sich darüber freuten.
Er war der erste in unserer Straße, der einen Fernseher besaß und dieses Vergnügen teilte er gern mit uns Kindern, wir durften die Kinderstunde anschauen und bekamen sogar noch ein Glas Himbeerwasser eingeschenkt, das war sehr stark verdünnter Himbeersirup. Unsere Eltern mussten nicht fragen, wo wir gewesen waren, sie konnten es riechen. Unsere Kleidung roch nach süßlichem Pfeifentabakrauch.
Als ich schon etwas älter war, so kurz vor der Konfirmation, bekam ich als junge Dame Zartbitter-Schokolade geschenkt. Die mochte ich nicht so gern, ließ mir aber nichts anmerken. Wenn er uns zu der Zeit besuchte, musste ich immer etwas auf meiner Geige vorspielen und der Höhepunkt seines Besuchs war immer dann, wenn er selbst meine Geige zu Hand nahm und darauf spielte. Es war immer das gleiche Stück „Schöne Nacht, du Liehibesnacht, oh stihille mein Verlaaaangen“, er intonierte dieses Lied mit nur einem Finger, dem Zeigefinger und zog ihn auf der A-Saite entsprechend hoch und tief, um den entsprechenden Ton zu erreichen. Es hörte sich wirklich grauslig an, doch klatschten alle stürmisch Beifall und dann kam die Zugabe, der Gefangenenchor aus Nabucco, entsprechend furchtbar.
Später bekam er eine komfortablere Wohnung und wir besuchten ihn wegen der Entfernung nur noch selten.
Sein Grab habe ich erst vor ein paar Jahren entdeckt, als ich meinen Vater auf dem kleinen Waldfriedhof besuchte und noch einen kleinen Rundgang durch die Reihen machte.
Meine Großmutter

Im Jahre 1901 wurde sie geboren und wuchs mit einem jüngeren Bruder bei ihren Eltern auf. Im zarten Alter von achtzehn Jahren lernte sie meinen Großvater kennen und lieben. Sie war eine schöne junge Frau mit dunklen Haaren, die sie stets mit Mittelscheitel gekämmt zu einem strengen Knoten trug. Mein Großvater wollte es so und erwartete von ihr, dass sie diese Frisur beibehielt. Die beiden waren als junges Paar aktiv in verschiedenen Vereinen, unter anderem bei den Wandervögeln. Sie sang mit glockenreinem Sopran, er spielte die Laute und sang. "Meine Liebe", sagte er zu ihr als sie über Heirat sprachen, "meine Liebe, du musst dich damit abfinden, dass es keine kirchliche Trauung geben wird und auch unsere Kinder, sollten wir mal welche bekommen, werden nicht getauft werden. Ich bin mit der Kirche zerstritten und habe mir geschworen, dass ich nie wieder etwas mit dieser Einrichtung zu tun haben will." Sie liebte ihn und fand sich damit ab, keine weiße Braut zu sein. Als allerdings die beiden Töchter, meine Mutter als Älteste und meine Tante, geboren wurden, setzte sich meine Großmutter durch und ließ beide taufen. "Ich wollte nicht, dass meine Töchter Außenseiter sind, deshalb habe ich ihn überredet!", erklärte sie mir einmal, als ich wieder die Ferien bei ihr verbrachte. Meine Oma war eine perfekte Köchin. Ich kann mich noch heute an viele ihrer besonderen Gerichte erinnern. Besonders gut aber ist mir das Kuchenbacken im Gedächtnis geblieben. Ich durfte ihr helfen, wenn sie die riesige Rührschüssel auf ein nasses Tuch stellte und die Zutaten rundum verteilte. Dann kam alles in bestimmter Reihenfolge in die Schüssel und wurde mit einem Holzkochlöffel, der in der Mitte ein Loch hatte, verrührt. Ich höre noch immer ihre Stimme, die sagte: "Du musst den Teig immer in die gleiche Richtung rühren, sonst wird es nichts mit dem Kuchen." Ich sehe noch ihre dürren Hände, die den Löffel unentwegt durch den Teig gleiten lassen und der Geschmack des süßen Teiges liegt mir noch heute auf der Zunge. Meine Oma war fröhlich, sie konnte richtig albern sein und lachte wie ein junges Mädchen und wenn sie es begriffen hatte, dann konnte sie gar nicht mehr aufhören zu lachen. Später, als sie älter war und ein stählernes Korsett trug, weil ihre Bauchdecke von vielen Operationen so geschunden war, dass das Bindegewebe nicht mehr hielt, wurde ihr das Lachen oft zum Verhängnis, denn der Bauch schmerzte dann heftig und Großvater und ich verließen schnell das Zimmer, um sie nicht immer wieder erneut zum Lachen zu bringen. Sie musste nur einen von uns ansehen, dann ging es wieder los. Als ich ihr meinen Mann vorstellte, nahm sie mich zur Seite und flüsterte: "Den nimm ruhig, er hat so ehrliche Augen!" Vier Tage vor unserer Hochzeit starb sie, völlig unerwartet, obwohl sie eigentlich in den letzten Jahren immer krank war. Wir haben unsere Hochzeit verschoben, die am Tag ihrer Beerdigung sein sollte.
Opa Wilhelm
Gerade kam er mir in den Sinn, mein Großvater. Ich habe ein Bild, das immer in seinem Wohnzimmer hing "Die müden Wanderer". Jetzt hängt es in meinem Zimmer und erinnert mich jeden Tag an einen ganz besonderen Menschen.
Mein Großvater ist im Jahre 1903 geboren, er hat meine Oma, die zwei Jahre älter war schon früh verloren. Sie starb 1979, mein Großvater lebte noch zwanzig Jahre nach ihrem Tod. Er war ein Maler, ein Dichter, ein Erzähler und ein wunderbarer Mann. Ich habe ihn sehr verehrt und man sagt mir nach, dass ich ganz nach ihm komme, was mich besonders freut. Ich habe als Kind all meine Schulferien bei den Großeltern verbracht. Er lehrte mich das Gitarrespielen und legte so das erste Mosaiksteinchen in meinem beruflichen Werdegang. Wir sangen zusammen, bereits mit sechs Jahren konnte ich mühelos meine Stimme halten, wenn mein Opa mit sattem Bariton eine zweite Stimme anschlug. Ich erinnere mich an eine Weihnachtsfeier, bei der er mich plötzlich auf den Tisch stellte, an sein Weinglas klopfte und rief: Das ist meine Enkelin, sie singt jetzt für euch das Lied vom kleinen Apfel! Das war mein erster öffentlicher Auftritt, es folgten viele mit ihm und noch viele ohne ihn. Ich verdanke ihm eine Menge und als ich damals mit meinem Gesangsstudium begann, war mein Opa der glücklichste Mann der Welt. Noch im Alter von 96 Jahren war er über alles informiert, was in der Welt vor sich ging. Er liebte es zu diskutieren und weil sich nicht immer Gesprächspartner fanden, gewöhnte er sich an, mittags in die Mensa der nahe liegenden Uni zum Essen zu gehen. "Erstens muss ich dann nicht kochen und zweitens treffe ich dort immer so interessante Menschen!", war seine Devise und ich weiß, dass er bei den Studenten beliebt war. Er fand es auch total toll, wenn ihn die Zeugen Jehovas besuchten. Er lud sie gern zu Kaffee und Kuchen ein und redete stundenlang mit ihnen, manchmal frage ich mich, wer da wen bekehrte. Ihm hat es jedenfalls Spaß gemacht, mit ihnen zu reden und sie (es waren lange die gleichen Personen)kamen gern zu ihm. Er selbst war nach dem zweiten Weltkrieg aus der Kirche ausgetreten, eine Konsequenz nach einer Streiterei mit dem damaligen Pfarrer. Er hat nie wieder eine Kirche betreten, bis auf zwei Ausnahmen - zur Beerdigung meiner Oma und 1990 zur Beerdigung meines Vaters, seines Schwiegersohnes. "Wenn ich sterbe, möchte ich mich gern in meinen Garten, unter den alten Apfelbaum legen und einfach einschlafen!" Das hat er oft gesagt und genauso hat er es auch gemacht. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Ich denke so gern an ihn zurück und ich werde ihn immer vermissen.
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