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Das Geheimnis

 

„Wie bin ich denn hier gelandet?“ Rebecca streckte ihre Arme in die Luft und dehnte und reckte sich. Sie lag in der Besucherritze des Elternbettes. Dabei war sie doch ein großes Mädchen und wollte eigentlich die ganze Nacht im eigenen Bett schlafen.

Sie erinnerte sich, dass sie komische Geräusche gehört hatte und war plötzlich hellwach.

„Ja genau, da war etwas an meinem Fenster“, murmelte sie und schaute nach rechts auf ihren schlafenden Papa und nach links, wo Mama ebenfalls noch schlummerte. Im Zimmer war es schon ein wenig hell, Zeit aufzustehen.

Vorsichtig krabbelt Rebecca zum Fußende und kletterte aus dem Bett. Sie schloss leise die Schlafzimmertür hinter sich, um die Eltern nicht zu wecken.

Auf dem Flur kam ihr Stummel entgegen und wedelte mit dem Hinterteil. Einen Schwanz hatte er nicht, daher der Name Stummel.

„Guten Morgen, mein Schätzelein“, flüsterte Rebecca und streichelte den Hund liebevoll. „Sag mal, hast du heute Nacht auch diese unheimlichen Geräusche gehört?“

Stummel schaute einen Augenblick verwundert, dann schüttelte er den Kopf. Rebecca staunte, hatte er ihr etwa geantwortet. Das hatte sie ja noch nie erlebt. Sie machte einen Test.

„Sag mal, bin ich die Rebecca?“

Stummel verzog die Schnauze zu einem Grinsen.

„Blöde Frage, oder? Wer sollte ich denn sonst sein“, lachte Rebecca und kraulte Stummels Nacken.

„Sollen wir Frühstück machen?“, fragte Rebecca jetzt und Stummel setzte sich gleich in Bewegung und rannte Richtung Küche.

Rebecca füllt als erstes seinen Wassernapf auf und dann holte sie das Paket mit dem Hundefutter aus dem Schrank. Freudig sprang Stummel an ihr hoch.

„Kannst es wieder nicht abwarten, du kleiner Stinker!“, schimpfte Rebecca.

„Was hast du gesagt?“

„Stinker, habe ich gesagt, das bist du doch auch!“, antwortete Rebecca, dann stockte sie.

„Hast du etwa gerade mit mir gesprochen?“ Sie schaute Stummel erwartungsvoll an und der schaute zurück und sagte nichts, aber er grinste schon wieder.

„Stummel, wenn du reden kannst, dann sag es mir jetzt. Sonst packe ich das Futter wieder weg“, das war ein Befehl und Stummel verstand den Ernst der Lage sofort. Rebecca war ja doch die einzige, die ihn verstand, deshalb konnte er es ruhig wagen, mit ihr zu reden, beschloss er.

„Ich kann sprechen, aber du darfst es niemandem verraten. Ich rede nur mit Kindern!“, sagte er laut und deutlich. „Und die Geräusche, die du heute Nacht gehört hast, die kann ich dir auch erklären.“

Rebecca musste sich erst einmal hinsetzen, so überrascht war sie. „Das gibt es doch nicht, das würde mir sowieso kein Mensch glauben“, flüsterte sie.

„Sag mal, Stummel. Spinne ich jetzt, oder stimmt es wirklich?“

„Du spinnst nicht, aber ich warne dich, behalt es für dich!“

Stummel hielt ihr seine Pfote hin.

„Pfote drauf!“, befahl er und Rebecca schlug ein. „Okay, Pfote drauf!“

„Wenn du mir jetzt eine Scheibe von der leckeren Fleischwurst aus dem Kühlschrank holst, dann verrate ich dir auch, woher die geheimnisvollen Geräusche in der Nacht kamen.“

Rebecca tat, was Stummel wünschte und schob sich gleich selbst noch eine Scheibe Wurst in den Mund.

„Also dann, erzähl mal“, forderte sie gespannt.

„Du weißt ja, dass der Frühling bald kommt. Heute Nacht war ein Knistern und Knacken im Garten, weil die ersten Krokusse sich durch die oberste Erdschicht geschoben haben und der Kirschbaum hat Knospen angesetzt und die Schneeglöckchen haben leise geläutet. Wenn du gleich mit mir raus gehst, wirst du sehen, dass ich Recht habe.“

Das ließ sich Rebecca nicht zweimal sagen, schnell schlüpfte sie in ihren Jogginganzug, zog den Anorak an und ihre Gummistiefel. Dann öffnete sie die Haustür und folgte Stummel in den Garten.

Sie erblickte die ersten Krokusse auf dem Rasen und betrachtete die Zweige des Kirschbaums. Freudig hüfte sie über den Rasen.

„Der Frühling ist da! Der Frühling ist da!“ sang sie und tanzte um eine Gruppe Krokusse herum.

„Ich habe euch gehört, heute Nacht!“, verriet sie den Krokussen und dann küsste sie die winzigen lila Becher, jeden einzelnen und ganz vorsichtig. Sie strich liebevoll über den unteren Zweig des Kirschbaumes und dann umarmte sie seinen Stamm. Ein warmes, freudiges Gefühl hatte sie dabei und als sie später in der Küche saß und einen warmen Kakao schlürfte, war sie noch immer so verzaubert vom Wunder des Frühlings, dass Mama ihre Stirn fühlte, weil sie glaubte, dass Rebecca ein wenig Temperatur haben könnte.

 

Ihr Geheimnis aber behielt Rebecca für sich und als sie erwachsen wurde und Stummel schon lange nicht mehr lebte, dachte sie noch oft an ihn zurück und an die vielen Gespräche, die sie als Kind mit ihm geführt hatte.

 

© Regina Meier zu Verl



 

Anruf um Mitternacht

 

Benny hatte ein Telefon in seinem Zimmer. Er konnte damit in die untere Etage des Hauses telefonieren, ein Haustelefon eben.

Wenn Benny zum Essen kommen sollte, dann klingelte Mama kurz durch und Benny meldete sich:

„Hier spricht Benny Mahler“, so hatte er es gelernt. Dann lachte Mama und sagte, dass klar ist, dass dort Benny Mahler ist, denn sie habe ihn ja angerufen und er solle doch bitte herunter kommen und nicht vergessen, die Hände zu waschen.

Den Max konnte Benny mit seinem roten Telefon aber nicht anrufen, dafür musste er den Apparat seiner Eltern benutzen.

Eines Nachts passierte etwas, das die Erwachsenen Benny einfach nicht glauben wollten. Benny hatte am Abend Bauchweh gehabt und als die Mutter seine Stirn fühlte, war sie die ganz heiß.

„Du hast ein wenig Temperatur, schnell ins Bett mit dir, ich mach dir noch einen Tee und wir legen eine Wärmflasche auf den Bauch“, ordnete sie an.

Benny trank brav seinen Tee und schlief auch bald ein. Er drehte und wälzte sich in seinem Bett und er träumte, als plötzlich das rote Telefon schellte.

„Hier ist Benny Mahler!“, meldete er sich. Niemand sagte etwas, lediglich ein leises Rauschen kam aus dem Hörer.

„Mama, bist du das?“, fragte Benny und wunderte sich. Es war doch mitten in der Nacht, Mama schlief sicher längst.

„Mama!“, rief Benny noch einmal, doch niemand antwortete. Er legte den Hörer auf  und öffnete seine Zimmertür. Die Eltern hatten ihr Schlafzimmer gleich nebenan, er würde mal kurz hinüber gehen, vielleicht durfte er ja bei Mama ins Bett krabbeln.

Er tapste über den Flur und schnupperte. Es roch so komisch, seltsam. Was war das nur. Benny musste husten.

Er drückte die Klinke zum Elternzimmer runter und hustete in einer Tour. Mama wurde sofort wach.

„Benny, was machst du denn hier, alles okay bei dir?“

„Es riecht so komisch und mein Telefon hat geklingelt!“, sagte Benny und trat an Mamas Bett. Die rüttelte Papa an der Schulter.

„Wach auf, Peter!“, rief sie und dann sprang sie aus den Federn. „Irgendwo brennt es!“

Papa war ebenfalls mit einem Satz aus dem Bett gesprungen und rannte in die untere Etage.

„Hier ist alles in Ordnung, aber du hast Recht, irgendwo brennt was. Kommt sofort runter, ihr beiden, ich schau mal schnell nach draußen!“, rief er Benny und Mama zu. Dann zog er seinen Mantel über und schlüpfte in die Schuhe.

Als er die Haustür öffnete, sah er die Bescherung. Der Stall brannte, helle Flammen schlugen aus dem Dach.

Sofort rief Mama die Feuerwehr an, die kam auch schnell mit lautem Ta-Tüü, Ta-Taa und rollte die Löschschläuche aus. Schnell war das Feuer gelöscht, aber der Stall war nicht mehr zu gebrauchen. Zum Glück waren keine Tiere drin, denn die Mahlers hatten vor einiger Zeit alle Kühe verkauft, weil Papa eine Arbeit in der Stadt gefunden hatte und keine Zeit mehr für den Hof hatte.

„Wie gut, dass du wach geworden bist, Benny“, sagte Mama später, als alle in der Küche saßen und einen heißen Tee tranken.

„Das Feuer hätte schnell auf das Haus überschlagen können, dann wäre alles noch viel schlimmer geworden.“

„Mein Telefon hat geklingelt“, sagte Benny. „Da musste ich aufstehen und es war niemand dran, es rauschte nur so komisch!“

„Das hast du nur geträumt, es kann ja gar nicht sein, dass es schellte, wir waren doch schon im Bett!“, wunderte sich Mama.

Aber Benny wusste es besser, er hatte es ja schließlich gehört und wenn die Erwachsenen ihm das nicht glauben wollten, war es auch egal. Der unbekannte Anrufer hatte ihnen allen vielleicht das Leben gerettet und es würde Benny gar nicht wundern, wenn Opa am anderen Ende der Leitung gewesen wäre. Denn der war im Himmel und passte auf sie alle auf.

 

© Regina Meier zu Verl  


Abschied

 

Unten, in dem kleinen Fachwerkhaus, in dem Paul mit seinen Eltern wohnt, lebt auch Frau Mergelheide.

Paul weiß, dass sie so heißt, Frau Mergelheide selbst hat ihren Namen vergessen. Eigentlich vergisst sie alles um sich herum und starrt nur noch aus dem Fenster. Selten lächelt sie, meist schaut sie traurig aus und oft rinnen Tränen aus ihren Augenwinkeln.

Pauls Mama kümmert sich ein wenig um die Nachbarin, die fast hundert Jahre alt ist und keine Verwandten mehr hat. Morgens kommt eine Frau vom Pflegedienst. Sie hilft der alten Dame beim Aufstehen, Waschen und Ankleiden. Dann bereitet sie ihr das Frühstück zu, setzt sie in den Sessel am Fenster und kommt erst am Abend wieder, um sie ins Bett zu bringen. So geht das Tag für Tag.

Dazwischen kümmert sich Mama um sie und auch Paul sieht ab und zu nach ihr. Manchmal liest er ihr Geschichten vor und dann könnte man meinen, dass sie jedes Wort verstehen kann, so interessiert hört sie zu. Sie sagt aber niemals etwas.

 

Ein paar Tage vor Weihnachten, draußen liegt schon der erste Schnee, sagt Mama:

„Wir werden in diesem Jahr nicht zu den Großeltern fahren, wir können Frau Mergelheide nicht allein lassen. Ich habe so ein komisches Gefühl.“

Paul ist traurig, denn Weihnachten mit Oma und Opa ist einfach toll. Trotzdem weiß er, dass Mama Recht hat.

„Ich möchte heute Weihnachtsplätzchen backen, magst du mir helfen?“

Paul ist Feuer und Flamme, er nascht doch so gern von dem Teig und es macht ungeheuren Spaß, die lustigen Formen nach dem Backen zu verzieren.

„Ich geh schnell runter und bringe Frau Mergelheide ein paar Zimtsterne“, ruft Mama und schon ist sie verschwunden. Es dauert lange, bis sie wieder zurückkommt und ihre Augen sind gerötet. Sie nimmt Paul in den Arm und dann weint sie.

„Was ist denn nur passiert, Mama?“

„Ach Paul, man musste ja damit rechnen, aber jetzt bin ich doch ganz traurig, Frau Mergelheide ist für immer eingeschlafen, ganz friedlich sitzt sie in ihrem Sessel und lächelt. Ich habe den Arzt gerufen, er wird gleich hier sein.“

„Darf ich mit runter kommen?“, fragt Paul und Mama nickt.

„Ja, komm nur.“

 

 

Gemeinsam gehen sie in das Zimmer der alten Dame. Paul tritt vorsichtig an sie heran. Er nimmt ihre Hand, die noch ganz warm ist und spricht sie an:

„Jetzt hast du es geschafft, Tante Mergelheide. Du musst mir etwas versprechen. Wenn du da oben im Himmel bist, passt du dann ein bisschen auf mich auf?“

„Das wird sie sicher tun“, sagt Mama.

 

Paul ist traurig und bei der Beerdigung weint er dicke Tränen. Aber er weiß, dass es seiner alten Freundin jetzt gut geht. Sicher kann sie sich dort oben endlich wieder erinnern an all das, was sie mal erlebt hat und sie wird von ihm, Paul, erzählen. Sie wird zu ihm herunterschauen, besonders morgen, am Heiligabend. Denn dann wird Paul eine dicke Kerze in den Garten stellen, damit sie ihn auch finden kann in der Dunkelheit.

 

© Regina Meier zu Verl


Engelorchester

Irmchen Sander hatte sich in diesem Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die Weihnachtsfeier zu gestalten.

Das Klassenorchester der Sechsten würde Weihnachtslieder in Engelsgewändern vortragen. Es waren einige recht talentierte Kinder dabei und Benjamin sollte auf seiner Violine das Solo spielen, wenn das Stück „Hört der Engel helle Lieder“ vorgetragen wurde.

Einige Schüler zierten sich zunächst ein bisschen, sie fanden es bescheuert, als Engelchen auf der Bühne zu stehen, wo doch die ganze Familienbande im Publikum saß.

Aber Irmchen setzte sich wieder einmal durch, wenn sie was wollte, dann kriegte sie das hin.

 

Die Schüler der zwölften Klasse hatten die Gewänder geschneidert und waren mächtig stolz auf ihre Werke. Bei der Generalprobe saßen dann zweiundzwanzig Engel auf der Bühne. Irmchen Sander war entzückt.

Musikalisch gab es an der ein- oder anderen Stelle zwar noch ein paar Ungereimtheiten, aber eine Generalprobe musste schief gehen, sonst klappte die Aufführung später nicht. Die Lehrerin war seit über zwanzig Jahren an der Schule und kannte sich bestens aus.

 

Am Abend der Weihnachtsfeier war der Festsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Das Orchester nahm die Plätze ein. Irmchen Sander stimmt noch einmal die Instrumente durch, dann öffnete sich der Vorhang.

Zunächst begrüßte der Schulleiter die Gäste und wünschte allen einen besinnlichen Abend. Dann trug Melanie ein Gedicht vor, bei dem sie sich nicht ein einziges Mal verhaspelte.

Irmchen Sander hatte ihre Position vor dem Orchester bereits bezogen und hob jetzt die Arme. Eins, zwei, drei, vier … zählte sie mit leiser Stimme an und es erklangen die ersten Takte von „Alle Jahre wieder“, vierstimmig, in F-Dur.

Tobi verhedderte sich in seinem Überschwang mit dem Geigenbogen in den Flügeln seines Vordermannes, aber sonst ging alles glatt. Das Publikum klatschte begeistert.

 

„Gleich biste dran“, flüsterte Bine dem Benjamin zu, der im nächsten Stück aufstehen sollte und ganz vorn auf der Bühne das Solo spielen musste.

„Geht aber nicht“, flüsterte Benjamin zurück und verzog schmerzverzerrt das Gesicht.

„Ich kann nicht aufstehen.“

„Pst“, machte Irmchen und warf Benjamin einen drohenden Blick zu.

„Warum kannst du nicht aufstehen?“, wollte Bine wissen, der es Leid tat, dass Benni schon kreidebleich war.

„Ich muss mal …“, wisperte der und kniff verzweifelt die Knie zusammen.

 

„Beim nächsten Stück wird Benjamin Schlüter das Solo spielen!“, verkündete Irmchen stolz und Benjamin setzte sich wohl oder Übel in Bewegung. Er stellte sich auf seinen Platz, machte einen kurzen Diener, hob die Geige ans Kinn und wartete darauf, dass das Orchester einsetzte.

Da stand er, der Engel Benjamin in seinem weißen Gewand, seine Flügel bibberten, doch er biss die Zähne zusammen und setzte pünktlich ein.

„Glo-ho-ho-ho-ho-ho, ho-ho-ho-ho-ho, glo-ho-ho-ho-horia“, sang die Geige und Benjamin dachte „oh, o-o-o-o-o, mir ist alles egal, Hauptsache es klingt jetzt schön!“ Dann ließ er laufen, was nicht mehr aufzuhalten war. Die Erleichterung wirkte sich unmittelbar auf sein Geigenspiel aus. Irmchen Sander lächelte glücklich. Dieser Junge war ein besonderes Talent, das hatte sie ja immer gesagt.

 

Sie wunderte sich ein bisschen, dass er den Platz vorm Orchester nicht räumen wollte, aber er sollte seinen Applaus haben und ruhig stehen bleiben. Er spielte alle weiteren Stücke von dort aus mit und als sich der Vorhang endlich schloss, war er der erste Engel, der von der Bühne verschwunden war und niemand sah in mehr an diesem Abend.

Es hat ihn später auch niemand auf die Pfütze an seinem Platz angesprochen, nur Bine musste bei dem Gedanken an das glorreiche Solo noch Jahre später lachen.

 

© Regina Meier zu Verl

 

Mondscheinsonate

Carlas Lieblingsstück war von jeher die Mondscheinsonate gewesen. Sie spielte sie mit einer solchen Inbrunst, dass sie die Welt um sich herum vergaß. Dabei war sie eine mittelmäßige Pianistin, ihr fehlte das Talent und nur durch viel Fleiß hatte sie es geschafft, ihr Lieblingsstück fehlerfrei spielen zu können.

Die Kinder machten ihr oft die Freude und baten sie ans Klavier.

„Mama, spiel doch einmal für uns!“, baten sie. Dann war Carla glücklich. Ihre Augen strahlten wie früher, als sie noch jung war und sich an alles erinnern konnte.

 

Heute wusste sie an manchen Tagen nicht einmal mehr die Namen ihrer Kinder.

Sie konnte nicht zwischen Morgen und Abend unterscheiden. Ganz schlimm wurde es, als Albert gestorben war. Ihr Mann war ihr letzter Halt und er hatte sie über Jahre liebevoll betreut.

Carla hat sich in sich selbst zurückgezogen, sie ist jetzt ein kleines Mädchen mit all den Eigenschaften, die kleine Mädchen haben. Sie zetert, wenn man sie nicht nach draußen gehen lässt und wenn sie im Garten ist, sucht sie ihre Schaukel und weint und weint, weil sie nicht zu finden ist. Längst ist der alte Kirschbaum abgeholzt, an dem die Schaukel einst hing.

Die Töchter, Elisabeth und Anna, kümmern sich liebevoll um ihre Mutter.

„Sie hat das für uns auch getan, wir können sie doch nicht in ein Heim geben“, sagte Elisabeth, als ich sie letzte Woche besuchte.

„An manchen Tagen ist sie ganz klar, dann wieder hat sie alles vergessen und wir kommen einfach nicht an sie ran. Am liebsten hat sie es, wenn man ihr Märchen erzählt. Dann ist sie ganz ruhig und lächelt vor sich hin.“

Ich gehe einmal in der Woche zu Carla und erzähle ihr Märchen. Sie kennt mich nicht mehr, aber sie hört mir zu und sie fühlt sich wohl.

Am besten gefällt ihr das Märchen vom Aschenputtel. Sie leidet und weint, wenn den bösen Schwestern die Ferse abgehackt wird, oder die Zehen. So eine Ungerechtigkeit kann sie nicht verstehen.

„Mama, du musst kommen!“, ruft sie dann, als könne ihre Mutter sie trösten.

„Carla, deine Mama ist im Himmel, wie die Mutter vom Aschenputtel“, antworte ich ihr jedes Mal und sie nickt, als erinnere sie sich daran.

„Spielst du mir etwas auf dem Klavier vor?“, bitte ich und helfe ihr beim Aufstehen. Sie setzt sich ans Klavier, überlegt einen Moment und dann legt sie die Finger auf die Tasten.

Die Mondscheinsonate erklingt, fehlerfrei und gefühlvoll vorgetragen. Es ist ein Phänomen, ich habe das jetzt viele Male miterlebt und kann es noch immer nicht fassen.

 


Omas Mehlpfannkuchen



„Oma, deine Mehlpfannkuchen sind die besten von allen!“

Dennis stopfte erneut ein riesiges Stück in den Mund, nachdem er es zuvor in den süßen Quark getaucht hatte.

Oma schüttelte den Kopf. Ihr gefiel es nicht, dass Dennis stets mit den Händen aß.

„Nimm doch die Gabel, mit dir kann man ja nirgendwo hingehen, da blamiert man sich“, schimpfte sie.

„Oma, was heißt das, blamiert?“ Er war kaum zu verstehen.

„Mit vollem Mund spricht man nicht“, wies Oma ihn zurecht. Dennis ließ sich aber nicht beirren.

„Du bist die beste Oma der Welt“, schmeichelte er und hielt Oma seine quarkbeschmierte Schnute hin, die sogleich mit einem Küchenhandtuch abgewischt wurde. Dann drückte Oma einen feuchten Schmatzer auf Dennis’ Kussmäulchen und endlich lächelte sie.

„Und du bist das beste Enkelkind von allen“, lachte sie.

„Oma, hat der Opa eigentlich auch so gern deine Pfannkuchen gegessen?“, wollte Dennis wissen und griff gleich noch einmal zu.

Oma setzte sich zu Hendrik an den Küchentisch und nahm sich ebenfalls einen Pfannkuchen, auf den sie Rübenkraut strich bevor sie antwortete:

„Ja, dein Opa war ein Schleckermaul, genau wie du. Für ihn hätte ich jeden Tag etwas Süßes auf den Tisch bringen können, dann strahlten seine Augen.“

„Und warum hast du es dann nicht gemacht?“, fragte Dennis erstaunt.

„Weil es nicht gesund ist und der Opa auch mal Gemüse und Salat essen sollte.“, erklärte Oma und rollte den Rübenkrautfladen auf. Dann biss sie ein großes Stück ab und schmatzte genüsslich.

„Hey du, man schmatzt aber nicht so beim Essen!“, schimpfte Dennis, machte es ihr aber gleich nach. „Und übrigens gibt es auch Pfannkuchen mit Salat und Gemüse.“

Oma schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Saft, putzte den Mund ab und antwortete verärgert: „So ein Quatsch!“

„Doch, ganz bestimmt gibt es den, er heißt nur nicht Pfannkuchen sondern Lahmacun und man kann ihn beim Döner-Murat kaufen!“ Dennis war ganz stolz, dass er seiner Oma auch mal was beibringen konnte. Die schüttelte aber noch immer den Kopf und konnte nicht glauben, was ihr Enkel da erzählte.

„Ich weiß was, heute Abend fahren wir in die Stadt und essen dort Lahmacun, ich lade dich ein, ist gar nicht so teuer.“, versprach er und Oma war einverstanden, Sie war neugierig auf diesen Gemüse-Salat-Pfannkuchen, auch wenn sie das nicht zugeben wollte.

 

Am Abend nahmen die beiden die Linie 5 und fuhren in die Innenstadt. Zielsicher führte Dennis seine Oma in die Bahnhofstraße und steuerte dort sofort die Döner-Bude von Murat an.

„Hosgeldiniz, Dennis!“, rief Murat und kam gleich hinter seiner Verkaufstheke hervor.

„Das ist schön, dass du mich einmal wieder besuchst. Wen hast du denn da mitgebracht?“ Er reichte Oma die Hand und machte eine kleine Verbeugung. „Hosgeldiniz!“, sagte er noch einmal, das heißt Willkommen.

„Ich bin Dennis’ Großmutter und ich möchte einmal Ihre Pfannkuchen probieren“, Oma schüttelte Murat die Hand.

„Sie meint Lahmacun, Murat. Ich habe ihr heute Mittag davon erzählt und sie wollte mir nicht glauben, dass es leckere Gemüsepfannkuchen gibt.“, erklärte Dennis.

Murat widersprach nicht, auch wenn es sich bei einem Lahmacun eher um eine Pizza als um einen Pfannkuchen handelt. Er fragte noch nach, wie sie ihr Lahmacun möchten, scharf oder nicht so scharf, mit Rotkohl oder Krautsalat, mit Zaziki oder ohne.

Dann  legte er zwei Fladen, die schon vorbereitet waren, für ein paar Minuten in den Ofen.

„Müssen erst heiß werden, möchten Sie einen Tee trinken, solange Sie warten?“ Oma wollte einen kräftigen schwarzen Tee, der ihr in einem kleinen Glas serviert wurde und Dennis bekam einen Apfeltee, schön süß und fruchtig. Oma war begeistert.

„So einen leckeren Tee habe ich lange nicht getrunken“, schwärmte sie und bekam gleich noch einen.

Dann füllte Murat den Teigfladen mit Gemüse und rollte ihn geschickt auf. Zum Schluss wickelte er eine Lage Butterbrotpapier herum und ganz zuletzt noch Alufolie, damit man die Köstlichkeit besser halten konnte.

Dennis zeigte seiner Oma, wie ein Lahmacun am besten zu essen ist und dann biss Oma erwartungsvoll hinein.

„Na, wie schmeckt es dir?“ Dennis war sehr gespannt und hatte selbst noch nicht einmal abgebissen.

„Köstlich“, schmatzte Oma mit vollem Mund, aber das ließ Dennis heute einmal durchgehen, sein Freund Murat würde das nicht so eng sehen.

 

Satt und zufrieden fuhren die beiden dann wieder nach Hause. Oma hatte ein Rezept für Lahmacun in der Handtasche und Murat besaß nun ein Rezept für Mehlpfannkuchen à la Dennis’ Oma. Ob er die wohl demnächst auch in seiner Döner-Bude anbieten würde?

 

 

Anhang:

 

Murats Rezept

 
1 TL. Hefe (Trockenhefe)
½ TL Zucker
150 ml Wasser, lauwarm
350 g Mehl
½ TL Salz
 etwas Öl (Oliven- oder Sonnenblumenöl)
1 große Zwiebel(n), fein gehackt
4 Zehe/n Knoblauch, mit Salz zerdrückt
 etwas Butter
225 g Hackfleisch vom Lamm
1  Tomate(n), gehackt, gehäutet
½ TL Zucker
1  Chilischote(n), fein gehackt, grüne
1 TL Paprikapulver, türkisches grobes
1 EL Zitronensaft
1 kl. Bund Petersilie, fein gehackt
  Salz
  Pfeffer
4 TL Tomatenpüree
   Für die Füllung:Krautsalat, Rotkohl, Zwiebelringe, Salat (in Streifen geschnitten und mit Essig und Oel angemacht, Tomaten, Zaziki…Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt!Zubereitung

Hefe mit dem Zucker und etwas lauwarmen Wasser verrühren und stehen lassen, bis die Mischung schäumt. Mehl mit dem Salz in eine Schüssel sieben. Eine Vertiefung in die Mitte drücken, Hefe und restliches Wasser in die Vertiefung geben und mit den Händen alles Mehl verarbeiten. Falls nötig, noch etwas Wasser hinzufügen, damit ein elastischer Teig entsteht. Auf einer Arbeitsfläche kneten, bis der Teig geschmeidig ist. Die Teigkugel in einer Schüssel in einigen Tropfen Öl wälzen, Schüssel mit einem feuchten Tuch bedecken, an einem warmen Ort gehen lassen, bis sich das Volumen verdoppelt hat.

Für die Füllung die Zwiebel in der Butter glasig dünsten und den Knoblauch unterrühren. Alle anderen Zutaten, außer dem Tomatenpüree, in eine Schüssel geben, Zwiebel und Knoblauch dazugeben und gut verkneten.

Ofen auf 230°C / Gas Stufe 4-5 vorheizen und Backbleche darin vorwärmen.

Den aufgegangenen Teig erneut auf einer leicht bemehlten Arbeitsfläche kneten. In 2-3  Stücke teilen und jeweils mit einem Nudelholz zu einem Kreis ausrollen, dabei mit den Händen ziehen. Jede Teigplatte auf ein geöltes Backblech oder Backpapier geben. Dünn zuerst mit Tomatenpüree, dann mit der Füllung bestreichen und jeweils bis zum Rand verteilen. 12-15 Min. backen, der Teig sollte noch weich genug sein, um sich aufrollen zu lassen. Heiße Lahmacun mit etwas Zitronensaft beträufeln, mit grob gehackter Petersilie bestreuen und als Pizza oder zu einer Tüte zusammengerollt essen oder mit den o.g. Zutaten füllen und aufrollen.

 

 

 




Der Stein und das Gänseblümchen

 

Es war Frühling und die Welt hatte ihr buntes Kleid angelegt. In einem verwilderten Garten lag ein Stein. Er war so dick wie der Bauch eines Schneemanns. Niemand wusste, wie er in den Garten gelangt war. Eigentlich war er schon immer da gewesen.

Die Menschen, denen das Grundstück gehörte, mochten den Stein und ihr Garten durfte so wachsen wie er wollte.

Auf der Oberfläche des Steins war eine Mulde, in der hielt sich nach dem Regen das Wasser. So diente der Findling den Vögeln als Tränke. Manchmal gab es sogar Streit um den besten Platz an der Theke der Natur. Selbst die Bienen fanden sich dort ein, wenn sie vom süßen Nektar der Blumen durstig geworden waren.

Dem Stein gefiel das, endlich war er zu etwas nutze. Viele Jahre hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was er eigentlich wert sei.

Die Bäume hatten es gut. Sie legten im Frühling ihr grünes Blätterkleid an und spendeten den Menschen und Tieren Schatten. Manche waren sogar voller Früchte und wenn der Stein sah, dass die Kinder von den süßen Kirschen naschten, dann wurde er immer ein wenig neidisch.

Ja, und die Blumen, diese zarten Geschöpfe, sie waren die Geschwister der Sterne. Das wusste der Stein von der alten Walli, die den Kindern immer so schöne Geschichten erzählte. Manchmal setzte sich die Walli zum Erzählen ins Gras und lehnte sich an den Stein. Diese Momente waren ihm heilig. Was gab es Schöneres, als einer Geschichte zu lauschen?

Wie gern hätte der Stein die Walli gefragt, was seine Rolle auf der Welt sei. Er hatte keine Blätter oder gar Wurzeln, auch brachte er keine Früchte hervor oder schützte vor Regen und Wind. Er war nicht einmal schön, so wie die Himmelssterne und ihre Schwestern auf der Erde, die ihre Blütengesichter in den Himmel hielten und den Sternen zuzwinkerten.

 

Manchmal machte eine Hummel Rast auf dem Stein, das kitzelte und der Stein musste lachen. „Na, Dickerchen“, kicherte die Hummel, habe ich dich am Bauch gekitzelt?“ Da musste der Stein noch mehr lachen.

„Bist ja selbst ein Dickerchen“, rief er ihr zu, als sie wieder abflog und sich kurz darauf mit torkelnden Bewegungen auf der nächsten Blüte niederließ, die sich unter dem Gewicht beinahe bis zum Boden neigte.

 

Der Stein hatte immer wieder versucht mit den Menschen zu reden. Doch nie hatte ihm jemand geantwortet. Entweder hörten sie ihn nicht, oder sie verstanden nicht, was er sagte. Wie anders sollte er sich bemerkbar machen, es gelang ihm nicht, sich von der Stelle zu rühren, so sehr er sich auch anstrengte.

 

 

Einmal aber, vor vielen Jahren, war es ihm fast gelungen ein wenig zur Seite zu rollen. Damals hatte ein Gänseblümchen zu ihm gesprochen und da es ganz nah bei ihm stand, konnte er es nicht sehen. Die liebliche Stimme des Blümchens hatte ihn aber so verzückt, dass es unbedingt anschauen wollte.

„Geh ein wenig weiter, damit ich dich sehen kann“, bat er. Doch das Gänseblümchen sagte traurig: „Das geht nicht, ich bin eine Pflanze und ich habe meine Wurzeln im Erdreich. Ich kann mich nicht von der Stelle bewegen. Aber schau dir meine Schwestern an, dann weißt du, wie ich aussehe.“

Der Stein bewunderte die vielen Gänseblümchen auf dem Rasen und er fand sie einfach bezaubernd.

„Deine Schwestern sind wunderschön, aber das ist doch nicht das gleiche, als wenn ich dich betrachten könnte“, jammerte der Stein, nahm all seine Kraft zusammen und versuchte, ein wenig zur Seite zu rollen. Dabei ächzte und stöhnte er vor Anstrengung. „Es muss gehen, oder habe ich etwa doch Wurzeln, die mich in der Erde festhalten?“, dachte er.

„Pst, sei leise“, flüsterte das Blümchen. „Da kommen die Kinder, sicher wollen sie wieder Blütenkränze flechten.“

 

Das Blümchen verhielt sich mucksmäuschenstill. Annika und Tine setzten sich auf den Stein, der von der Sonne ganz warm war.

„Sollen wir uns ein Kränzchen machen?“, fragte Annika. Tine war nicht begeistert von der Idee. „Das ist langweilig, lass uns Geschichten erfinden, das macht mehr Spaß“, schlug sie vor.

Der Stein war erleichtert, es hätte gut sein können, dass es seinem Gänseblümchen an den Kragen gegangen wäre. Jetzt war er doch sehr froh, dass es so nah bei ihm stand, da hätten die Kinder es auch nicht gleich entdeckt und es wäre verschont geblieben.

„Sag mal“, fragte Annika, „wie findest du eigentlich den Neuen in der Klasse?“

Tine bekam ein knallrotes Gesicht.

„Geht so!“, antwortete sie und wollte schnell das Thema wechseln.

„Na, du bist doch wohl nicht verknallt?“, lachte Annika, sprang auf und tanzte um den Stein herum. Dabei sang sie: „Tine liebt den Neuen, Tine liebt den Neuen!“

„So ein Quatsch!“ Tine stampfte verärgert mit dem Fuß auf, beinahe hätte sie das Gänseblümchen zertreten.

„Hast du denn nicht bemerkt, dass er dich in der Stunde immer nur anschaut und auf dem Schulhof läuft er auch dauernd hinter dir her. Ich sage es dir, er liebt dich“, behauptete Annika und grinste von einem Ohr zum anderen.

„Das ist gar nicht wahr“, stammelte Tine, aber irgendwie gefiel ihr der Gedanke doch sehr gut, denn der Felix, so hieß der Neue, war ein netter Junge.

„Es lässt sich leicht feststellen, Moment!“ Annika pflückte ein Gänseblümchen und hielt es Tine hin. „Hier, du musst nur die Blütenblätter auszupfen und dabei sagen: „Er liebt mich, er liebt mich nicht… solange, bis kein weißes Blättchen mehr zu sehen ist. Dann weißt du’s!“

Tine nahm das Blümchen und stellte es in die Wassermulde auf dem Stein.

„Du bist gemein, es vertrocknet doch!“ Sie nahm sich aber vor, später wieder her zu kommen und den Test zu machen, wenn Annika nach Hause gegangen war. Sie musste ja schließlich nicht alles wissen.

Annika ließ es dann auch gut sein und fing an, eine Geschichte zu erzählen. Die Mädchen kicherten und hatten ihren Spaß.

 

Der Stein aber war verärgert. Die Menschen konnten ja ganz nett sein, und die Kinder mochte er besonders gern leiden. Schade, dass sie gar nicht darüber nachdachten, dass das arme Gänseblümchen nun sterben musste. Ach könnte er doch reden, dann würde er den Mädchen schon was erzählen.

 

Am Abend kam Tine noch einmal in den Garten und setzte sich auf den Stein. Sie betrachtete lange das Gänseblümchen, das sich im Wasser frisch gehalten hatte und jetzt die Blütenblätter geschlossen hielt wie jeden Abend.

„Ich werde dir die Blättchen nicht auszupfen, kleine Blume. Mir ist es auch egal, ob er mich liebt. Wenn es so sein sollte, dann werde ich das schon merken. Vielleicht kann ich ihn einfach mal einladen. Er ist neu hier im Ort und freut sich sicher, wenn er sich mal verabreden kann.“

 

Könnte der Stein lächeln, dann hätte er das jetzt sicher getan. Sie war schon eine Süße, die kleine Tine. Schade, dass er es ihr nicht sagen konnte, sie würde ihn nicht verstehen.

„Wenn der Felix dich nicht liebt, dann ist aber einer da, der dich ganz arg gern hat“, dachte der Stein und dann seufzte er laut: „Ich liebe dich!“

 

„Ich dich auch!“, sagte Tine und streichelte den Stein. Dann ging sie zurück ins Haus.

„Und ich auch“, flüsterte das Gänseblümchen und seine zarten Blütenblätter erröteten ganz leicht an den Spitzen. Der Stein war nicht ganz sicher, ob es ihn, oder die Tine gemeint hatte. Er wollte es auch gar nicht wissen, er würde es schon merken.

 

© Regina Meier zu Verl

 





Nächtliche Stimmen

"Nun mach doch schon, schreib es auf!"

"Ich kann nicht!"

"Du kannst, du musst es nur wollen."

"Ich will aber nicht!"

"Warum hast du mich dann eingeschaltet und starrst seit einer Stunde auf den Bildschirm. Das ist mir nun langsam zu blöd."

Ich kniff die Augen zusammen und massierte meine Schläfen. So weit war es nun schon gekommen, dass ich mich mit meinem Computer unterhielt.

"Ich bin doch dein bester Freund, warum solltest du also nicht mit mir reden?"

Er hatte ja Recht, viele Stunden verbrachte ich mit ihm und manchmal behandelte ich ihn gar nicht freundlich, sondern hämmerte ihm meine Gedanken ein, ohne ein einziges Wort mit ihm zu reden.

‘Jetzt fange ich schon an zu spinnen’, dachte ich. Schließlich konnte ein Computer nicht reden und wenn er ein Freund war, dann konnte er doch einen menschlichen Freund nicht ersetzen.

Da, schon wieder diese mechanische Stimme:

"Sei froh, dass du mich hast. Ich höre dir zu und werte nicht, was du sagst. Außer, wenn du die Rechtscheib- und Grammatikprüfung betätigst. Aber den Inhalt deiner Texte stelle ich niemals in Frage."

Ich stand auf, um mir einen starken Kaffee zu kochen. Es war sicherlich nur die Müdigkeit, die mich Stimmen hören ließ.

"Wenn du nicht sofort still bist, werde ich dich ausschalten.", drohte ich und vernahm keinen Mucks mehr.

Der Kaffee tat mir gut. Mir war bewusst, dass es absolut unvernünftig ist, um vier Uhr morgens Kaffee zu trinken. Normalerweise wälzte ich mich um diese Zeit in meinem Bett herum, um einmal mehr festzustellen, dass ich nicht schlafen konnte. Seit Monaten ging das nun schon so, nichts half mir und diese verflixten Tabletten wollte ich nicht mehr nehmen. Auch das Glas Rotwein, das mir eine Weile geholfen hatte am Abend abzuschalten, verbot ich mir. Zu groß war meine Angst, in eine Abhängigkeit zu geraten.

Ich versuchte, meine trüben Gedanken zu verscheuchen und setzte mich wieder vor den PC. Wie von selbst glitten jetzt meine Finger über die Tastatur, ich dachte nicht mehr. Ich schrieb einfach. Morgen würde ich lesen, was dabei zustande gekommen war. Jetzt musste es nur noch raus.

Der Computer verhielt sich still, nur das Klappern der Tastatur war zu hören und in jeder halben Stunde das Schlagen der Kirchturmuhr. Viermal, sechs Uhr, Zeit zum Aufstehen.

"Geh in dein Bett, du wirst krank werden, wenn du so weitermachst. Ich verstehe dich, aber morgen ist auch noch ein Tag. Schlaf ein paar Stunden, dann wird es dir besser gehen."

"Sei still!"

"Nein, ich werde nicht mit ansehen, wie du dich ruinierst. Dein Roman ist doch fast fertig. Gönn dir noch einen Monat. Niemand treibt dich!"

Ich antwortete nicht, speicherte das Geschriebene ab und fuhr den Computer herunter. Erschöpft fiel ich in mein Bett, gedankenleer. Ich muss sofort eingeschlafen sein.

Auf dem Tisch neben meinem Bett liegt ein Block und ein Bleistift. Jeden Morgen ist meine erste Handlung das Schreiben meiner Morgenseiten. Dazu lasse ich einfach den Stift über das Papier fliegen und schreibe ungefiltert auf, was mir gerade durch den Kopf geht. Ich betrachte das als die beste Möglichkeit, sorgenvolle Gedanken ein wenig von mir weg zu stellen. Eine prima Methode, um Stoff für die nächsten Geschichten zu haben hat sich hier entwickelt. Manchmal halte ich mich für verrückt, denn es kommen dabei Sätze heraus, die ich niemals in einem Manuskript verwenden könnte. Es ist eine Art von Geistreinigung und klappt wunderbar. Nachher fühle ich mich befreit und kann meinen Tag beginnen.

Bereits im Bad formuliere ich die ersten Sätze, die nach dem Frühstück in den PC gehackt werden. Ich erspare mir damit viel Zeit, denn ich habe mir einen festen Rhythmus auferlegt. Von Neun bis Zwölf wird geschrieben und alles was schon unter der Dusche entsteht, gibt mir Zeit, mal kurz mit den Gedanken abzuschweifen oder auch nur mal kurz die Zeitung zu lesen.

Ich bin streng mit mir, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht wenigstens diese drei Stunden schreibe. Es ist meine Arbeitszeit, denn seitdem ich meine Stelle in der Schule verloren habe, betrachte ich mich als freie Autorin. Das klingt viel besser als "Arbeitslose" und hebt mein Ego. Manchmal jedenfalls, oft bin ich auch einfach nur verzweifelt und frage mich, wie ich in den nächsten Tagen das Echo aus meinem Kühlschrank entfernen soll.

"Heute ist ein guter Tag!", teile ich meinem Computer mit, als ich frisch geduscht und mit einem dampfenden Kaffee die Einschalttaste betätige.

"Heute werde ich das letzte Kapitel meines Romanes vervollständigen, dann geht es an den Feinschliff. Noch einen Monat soll ich mir geben, hast du gesagt. Da kannst du mal sehen, dass du gar keine Ahnung hast. Ich werde mehr Zeit dafür brauchen, du kennst mich doch. Der Feinschliff ist das Schlimmste, ich bin selten zufrieden. Ich schreibe viel zu komplizierte und verschachtelte Sätze, da gibt es noch jede Menge zu tun."

Der Computer macht seltsame Geräusche, er brummt leise und die Lüftung arbeitet, als habe sie die ganze Wohnung zu klimatisieren. Als ich mein Word anklicke, gibt es einen kurzen Knack, dann sehe ich nur noch den blauen Bildschirm vor mir: ERROR.

Mir wird schlecht. Nur das nicht, nicht jetzt! Ich habe meine Datei nicht doppelt gesichert, gestern nicht, ich war einfach zu erschöpft. Alles, was ich in der letzten Nacht geschrieben habe ist weg, ich weiß nicht einmal mehr, was ich geschrieben habe.

Ich fange an zu schwitzen und betätige mit zitternden Fingern die Reset-Taste.

Der PC fährt erneut hoch, alles sieht ganz normal aus. Ich wähle das Word an, es öffnet sich problemlos. Datei öffnen: Arbeitstitel Anna, die Datei öffnet sich. Ich scrolle zum Ende, Seite 385 und bin erleichtert. Es ist alles noch da.

"Gott sei Dank!"

"Immer, wenn du in Not gerätst, fällt er dir ein. Wie wäre es, wenn du mal wieder in die Kirche gehst?" die sonore Stimme des Computers macht mich wütend.

"Du Besserwisser, fast hättest du mich im Stich gelassen und jetzt willst du mich belehren?" Automatisch nehme ich eine Diskette und speichere mein Werk ab.

"Ich hatte einen kleinen Infarkt und wenn du so weitermachst, wirst du auch einen bekommen und dann gibt es heftig ERROR. Vielleicht ist dann nichts mehr zu retten. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."

Ich tue so, als hörte ich ihn nicht. Ich lege die Diskette in die Schachtel, fahre den Computer herunter und spreche kein Wort mehr mit ihm.

Dann ziehe ich meine Winterstiefel an, einen Schal und die dicke Jacke, verlasse die Wohnung und gehe durch wunderbare kalte Luft. Meine Füße tragen mich und bestimmen die Richtung. Als ich auf dem kleinen Waldfriedhof ankomme und am Grab meines Vaters stehe, löst sich die Anspannung. Ich lasse meinen Tränen freien Lauf.

"Papa, ich bin arbeitslos. Aber mach dir keine Sorgen, ich komme schon wieder auf die Füße. Ich schreibe und schreibe, manchmal bekomme ich ein kleines Honorar, letzten Monat konnte ich mir sogar ein paar Schuhe davon kaufen. Und mein Roman ist auch bald fertig. Nicht, dass ich davon leben könnte, vielleicht will ihn niemand lesen. Aber ich musste ihn schreiben, du weißt das ja. Leider spinnt mein Computer ein bisschen, wäre schrecklich, wenn er mich jetzt im Stich ließe."

Ich zünde eine Kerze an und verabschiede mich. Als ich schon ein paar Schritte vom Grab entfernt bin, drehe ich mich noch einmal um:

"Ach übrigens, ich nehme mir heute frei."

(c) Regina Meier zu Verl
 

 

Roberts letzte Chance


Esther stand am Fenster und sah mit finsterem Blick hinaus. Die Spaziergänger, die erste warme Sonnenstrahlen genießen wollten, nahm sie nicht wahr. Das Jubilieren einer Amsel, die sich auf der alten Eiche niedergelassen hatte, störte Esther.

Sie riss das Fenster auf und schrie: „Scher dich weg!“

Die Leute auf der Straße blieben verwundert stehen. Mit einem lauten Knall schloss Esther das Fenster und ließ sich auf den Sessel fallen.

Am Morgen hatte Robert ihr mitgeteilt, dass er sie verlassen wollte. Wie konnte sich diese blöde Amsel erlauben, aus Leibeskräften zu singen, während für Esther die Welt zusammenbrach?

Roberts Vorhaben war nicht aus heiterem Himmel gekommen, es war absehbar gewesen, dass der Tag nahte. Esthers Eifersuchtsgehabe musste über kurz oder lang dazu führen, dass er seine Konsequenzen zog. Er hatte es ihr oft genug gesagt und sie gelobte Besserung.

„Ich habe nicht das Recht, ihn zu kontrollieren. Warum muss ich immer alles kaputtmachen?“, dachte Esther und endlich löste sich die Starre. Die Tränen brachten Erleichterung und nach ein paar Minuten fühlte Esther ihre Kraft zurückkommen.

„Wir werden sehen, ob er das wirklich ernst gemeint hat. Er wird mir nicht widerstehen können, so war es immer.“

Esther ging ins Bad und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie war noch immer eine schöne Frau, die Jahre hatten ihr nichts anhaben können. Im letzten Jahr hatte sie ihren Fünfzigsten gefeiert. Nagte nicht diese ewige Angst vor dem Alleinsein an ihr, wäre sie eine zufriedene Frau gewesen.

All ihr Tun kreiste um Robert, den sie in Gedanken zärtlich Bobby nannte. Er mochte das nicht, nicht mehr. Es hatte sich vieles verändert in den letzten Jahren. Esther verstand nicht, warum sich Robert gegen sie sperrte. Sie hatte ihm doch nichts getan, im Gegenteil. Was wäre er ohne sie? Für ihn war es selbstverständlich, dass er zu jeder Zeit ein gebügeltes Hemd vorfand, dass sein Frühstück zubereitet war. Jeden Morgen bekam er seinen heiß geliebten Orangensaft, frisch ausgepresst selbstverständlich. In seiner Aktentasche war stets ein frisches Taschentuch und eine Proviantdose, die mit leckeren Schnittchen gefüllt war.

Margret, Esthers einzige Freundin, hatte oft versucht, ihr klarzumachen, dass Robert sich immer mehr zum Pascha entwickelt hätte

„Wenn er sich in der Kanzlei auch so bedienen lässt, wird das seinen Beliebtheitsgrad nicht gerade steigern!“, hatte sie gemeint. Was wusste sie schon. Sie lebte allein und hatte niemanden zu versorgen, ja Esther fand, dass sie mit den Jahren ein wenig seltsam geworden sei. Nach und nach entzog sie sich den Treffen mit der Freundin. Sie wollte keine Kritik hören.

 

Jetzt war also der Tag X gekommen, Robert wollte gehen. Aber sie, Esther, würde ihn nicht kampflos aufgeben. Wenn sie ihn nicht behalten konnte, dann sollte auch keine Andere ihn bekommen. Ein Plan reifte in ihr, der Robert für immer an sie binden würde. Ja, sie war eine kluge Frau und ließ sich das Regiment nicht aus der Hand nehmen, sie nicht!

Eine letzte Chance wollte sie ihm noch geben, er war schließlich der einzige, den sie jemals geliebt hatte.

Den Tag verbrachte sie damit, die Wohnung zu wienern und ein fürstliches Abendessen vorzubereiten. Sie richtete alles so ein, dass sie bei seinem Heimkommen nur noch den Backofen anschalten musste, damit er die Gelegenheit hatte, sich bei ihr zu entschuldigen. Sie würde ihm verzeihen, großmütig, und sie würde ihm versprechen, nie wieder in seinen Sachen herumzuschnüffeln. Er würde bereitwillig einlenken und sagen:

„Ist schon gut, ich glaube dir und wir fangen noch einmal von vorn an.“

 

Esther eilte durch alle Räume, machte eine Endabnahme, wie sie das nannte. Sie kannte sich aus in solchen Dingen. Schließlich hatte sie vor ihrer Heirat als Vorarbeiterin gearbeitet. Die Kolleginnen hatten sie nicht besonders gemocht, Esther war das egal gewesen. Ihr ging es um Ordnung und Disziplin, diese jungen Dinger mussten mit strenger Hand geführt werden. Als sie ihren späteren Mann kennen lernte, gab sie die Arbeitsstelle auf, obwohl das niemand von ihr erwartete. Sie stürzte sich mit Feuereifer auf ihre Arbeit im Haushalt und nahm dem Ehemann jegliche Hilfeangebote übel.

„Das ist mein Bereich und ich tue das alles gern! Du arbeitest schwer und hast es verdient, am Abend deine Ruhe zu haben.“

 

Alle Zimmer waren in Ordnung, hier und da rückte Esther noch einen Kerzenständer zurecht und ordnete die Fransen der wertvollen Teppiche.

„Frische Blumen wärn nicht schlecht, hollahi, hollaho,  das schafft Atmosphäre recht, hollahia ho!“, trällerte sie nach einer alten Volksliedweise und beschloss, ein paar frische Narzissen aus dem Garten zu holen. Die Vorfreude auf den Abend überdeckte die Sorgen, die Esther noch vor ein paar Stunden aus der Bahn geworfen hatte. Sie holte sich ein Messer aus der Küche und ging in den Garten. Die schönsten Narzissen schnitt sie und arrangierte noch ein wenig Grün dazu. Esther war geschickt, sie hatte eine gute Hand für Blumensträuße. Ging sie in ein Blumengeschäft, bestimmte sie genau, wie ein Strauß auszusehen habe. Die freundliche Kleine im Blumengeschäft nahm Reißaus, wenn Esther den Laden betrat. Ihr konnte man es nicht recht machen, da musste die Chefin ran.

„Sing nur weiter, kleine Amsel!“, rief Esther, als sie das Jubilieren des Vogels vernahm. „Ich werde das Fenster öffnen, damit ich dir lauschen kann.“

Die Sonne hatte sich hinter dicken Wolken verzogen, Esther fröstelte und eilte ins Haus.

 

Noch vier Stunden blieben, bis Robert nach Hause kommen würde. Ungeduldig schaute Esther immer wieder auf die Uhr, ihre innere Unruhe erlaubte es nicht, sich die Zeit mit Lesen oder Fernsehen zu vertreiben. Der Fernsehapparat wurde auch aus Prinzip nie vor zwanzig Uhr eingeschaltet Robert liebte Fußball, Esther schaute sich ihm zuliebe jeden Samstagabend die Sportschau an und langweilte sich dabei zu Tode. Aber das nahm sie gern auf sich, Liebe verlangte Opfer.

Hatte Robert jemals ein Opfer für ihre Liebe dargebracht? Esther schüttelte den Gedanken ab.

„Ich muss noch irgendetwas tun“, nahm sie sich vor und ging in den Keller, um ein wenig aufzuräumen. Dabei fiel ihr der alte Pappkarton in die Hände, den sie vor Jahren dort versteckt hatte.

Sie hatte seine Existenz vergessen, verdrängt. Warum musste sie ihn gerade jetzt finden. Esther überlegte ob sie ihn öffnen sollte oder ob jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war, den Inhalt zu vernichten. Was wäre, wenn Robert heute abend nicht einlenken würde, wenn es zu einem weiteren Streit kommen sollte. Was wäre, wenn sie ihren  Plan durchführen musste, weil Robert ihr keine andere Wahl ließ?

Esther wurde in ihren Gedanken unterbrochen, es klingelte an der Haustür. Hastig stellte sie den Karton zurück an seinen Platz und deckte ihn wieder mit der alten Wachstuchtischdecke zu. Dann rannte sie nach oben und öffnete atemlos die Haustür.

Zwei Kinder aus der Nachbarschaft standen draußen im Regen und hinter ihnen ein Bollerwagen mit alten Zeitungen.

„Guten Tag, Frau Werning!“, sagte das Mädchen höflich. Der Junge schaute schüchtern auf den Boden. „Wir sammeln Altpapier. Sie haben doch sicher alte Zeitungen.“

Esther überlegte einen kurzen Augenblick. Dann sagte sie so freundlich wie sie eben konnte:

„Wartet, ich gehe nur schnell in den Keller!“ Sie verschloss die Haustür, man konnte ja nie sicher sein, ob diese heruntergekommenen Kinder sie nicht bestehlen wollten. Trotz ihrer Verärgerung über die Störung betrachtete es Esther als einen Wink des Himmels, dass die Kinder gerade jetzt kamen, um das Altpapier zu entsorgen. Sie nahm den Pappkarton wieder aus dem Regal, hob den Deckel ab und legte ein paar alte Zeitungen hinein. Es war noch reichlich Platz, in dem Karton befanden sich nur ein paar alte Zeitungsausschnitte.

Dann brachte sie den Kindern den Karton, gab jedem von beiden einen Euro und befahl ihnen, den Karton sofort zu entsorgen und ja kein Schnippselchen davon auf die Straße fallen zu lassen.

„Ist gut, Frau Werning. Sie können sich auf uns verlassen.“, versprachen die Kinder und zogen los.

Esther sah ihnen nach, dann atmete sie tief durch. Sie verspürte Erleichterung. Endlich waren die alten Erinnerungen aus dem Haus. Warum hatte sie nicht schon früher daran gedacht, sie zu entsorgen, so wie sie die Gedanken an die Zeit aus ihrem Gewissen verbannt hatte.

Nur noch zwei Stunden blieben bis zu Roberts Rückkehr. Esther war jetzt froh darüber noch ein wenig Zeit zu haben. Sie holte ihr Lieblingskleid und frische Wäsche, dann ging sie ins Bad und entspannte sich in duftendem Rosenschaumbad.

Danach fühlte sie sich gereinigt, innen und außen. Sie machte sich sorgfältig zurecht, legte Rouge auf und schminkte hingebungsvoll ihre Lippen. Ihre bersteinfarbenen Augen benötigten heute keine weitere Betonung, sie glitzerten. Esther war zufrieden und ging in die Küche, sie stellte den Backofen auf die entsprechende Temperatur ein, betätigte die Zeitschaltuhr und kontrollierte dann noch einmal den gedeckten Tisch. Alles war perfekt.

Als Esther den Flur in den Flur kam, um einen Regenschirm bereitzustellen, damit sie Robert vom Auto abholen konnte, sah sie, dass der Anrufbeantworter blinkte. Sie drückt auf die Abruftaste und hörte Roberts Stimme: „Ich komme heute spät, warte nicht auf mich!“

Esther fühlte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Das machte er doch, um sie zu verletzen. Sicher ging er wieder zu diesem Flittchen. Esthers eben noch ausgeglichenes Gesicht verwandelte sich in eine Fratze.

„Warte, du wirst schon sehen, was du davon hast!“, kreischte sie. „Ich werde dir schon zeigen, dass du nicht ohne mich leben kannst!“ Wie von Sinnen rannte sie in die Küche, stellte den Backofen ab, riss die Auflaufform heraus und brachte sie in den Mülleimer. Wütend raffte sie dann die Tischdecke mitsamt Bleikristall und Goldrandgeschirr zusammen und entsorgte sie ebenfalls in der Tonne. Jetzt noch die gelben Narzissen aus der Vase. Robert sollte nicht sehen, welche Mühe sie sich gegeben hatte. Er hatte es nicht verdient. Schluss, aus, vorbei!

Nachdem Esther die Wohnung wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt hatte, ging sie ins Bett. Dort wartete sie mit klopfendem Herzen auf Robert. Doch er kam lange nicht. Erst gegen drei Uhr hörte sie seinen Wagen vorfahren. Sie stellte sich schlafend, zog die Decke über den Kopf und lauschte auf seine Schritte. Er öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer und schloss sie dann wieder. Kurz darauf hörte Esther die Toilettenspülung, dann wieder seine Schritte, die vor ihrer Tür kurz stoppten. Robert ging weiter in sein Zimmer. Keine Entschuldigung, er hätte sie wecken können, vielleicht wäre dann noch alles gut geworden...

Esther wusste genau, wie es nun weitergehen würde. Robert hatte seine letzte Chance vertan, jetzt ging es an die Ausführung des Planes.

Sie stand am nächsten Morgen wie gewohnt auf, ging ins Bad, dann in die Küche und bereitete das Frühstück zu. Sie presste Orangen aus und stellte jedem ein Glas des köstlichen Saftes an seinen Platz. Dreiminuteneier, so wie Robert sie liebte, gebratener Speck, Toast und Kaffee, nicht zu dünn, alles war schnell zubereitet. Aus dem Geheimfach im Gewürzschrank holte Esther ein Tütchen mit weißem Pulver, das sie in Roberts Glas rieseln ließ. „So, mein Liebster, das wird dir gut tun.“, flüsterte sie und rührte kurz um. Mit der Tageszeitung setzte sie sich an den Frühstückstisch und wartete.

Alles war wie immer und doch war alles anders. Das Telefon schellte und Esther lief schnell hin, sie wollte keine Störung, nicht heute morgen.

„Margret, meine Liebe!“, säuselte Esther in den Hörer. „Wir wollen gerade frühstücken.“ Margret ließ sich nicht abwimmeln, sie schlug sich mit einem Problem herum, das unbedingt in diesem Moment erzählt werden musste. Esther schluckte, hörte dann aber erzwungen geduldig zu.

Währenddessen kam Robert in die Küche. Die Schlagzeile der Zeitung erweckte sein Interesse, er las noch im Stehen und griff automatisch nach dem Glas, das er in einem Zug leerte. Dann bemerkte er, dass er versehentlich Esthers Glas genommen hatte, tauschte wie ein kleiner Junge, der nicht erwischt werden will, die Gläser aus und setzte sich auf seinen Platz.

„Guten Morgen, Robert!“ Esther war die Liebenswürdigkeit in Person, sie küsste ihn leicht auf die Wange. Ein kurzer Schreck durchfuhr sie, als sie sah, dass er seinen Saft bereits getrunken hatte. Gern hätte sie ihm dabei zugesehen, aber das war jetzt zu spät. Auch für eine Umkehr war es zu spät, Robert hatte das tödliche Getränk in seinem Magen und er hatte nicht einmal etwas bemerkt, denn er aß mit gutem Appetit. Alles war wie immer und doch war alles anders.

Esther trank ihren Saft. Sie beobachtete Robert, der bereits die dritte Toastscheibe verdrückte.

„Warum bist du gestern nicht zum Essen gekommen?“, fragte Esther mit ruhiger Stimme. „Warst du wieder bei diesem Flittchen?“, ihre Stimme wurde lauter, fordernder.

„Ich will es wissen, sag es mir!“, schrie sie.

Robert erhob sich, wischte seinen Mund ab und wollte die Küche verlassen. „Fängst du schon wieder an? Ich habe dir doch gesagt, dass ich bald zu ihr ziehen werde. Sie ist kein Flittchen, sondern die Frau, die ich liebe. Ich werde dich verlassen!“

„Ja, das wirst du. Aber du wirst diesen Zeitpunkt nicht bestimmen!“, Esthers Stimme überschlug sich, ihr Herz raste.

Die Haustür fiel ins Schloss, Robert, ihr geliebter Sohn  war gegangen und er würde nie wieder zurückkommen, dafür hatte Esther gesorgt. Er würde vielleicht vor einen Baum fahren, dann sähe es wie Selbstmord aus. Es war ihr egal, sie hatte ihn verloren. So, wie sie damals ihren Mann verloren hatte.

Esther legte sich auf das Sofa. „Niemand wird mir etwas nachweisen können, die Zeitungsausschnitte sind vernichtet und hier wird niemand eine Spur des Schlafmittels finden. Ich will mich nur einen Moment ausruhen...“, dachte sie. Dann schlief sie ein.      

(c) Regina Meier zu Verl

Zappel erzählt

Heute möchte ich euch von dem Menschen erzählen, den ich sehr liebe. Wenn ich zu sehr ins Schwärmen gerate, dann seht mir das bitte nach. Er ist der wichtigste Mensch für mich und ohne ihn kann und will ich nicht leben. Gut, da sind noch meine Schwestern und Brüder. Sie geben mir Wärme und ich fühle mich wohl bei ihnen. Doch sie können mir nicht helfen, wenn ich in Not gerate. Er aber kann es und er ist immer für mich da.
Gerade steht er dort oben auf dem Hügel und betrachtet den Sonnenuntergang. Ein schönes Bild ist das. Er trägt seinen langen Mantel und den großen Hut. In seiner rechten Hand hält er einen langen Stab, und neben ihm sitzt Basil, der Hütehund. Vor ihm habe ich ein wenig Angst, denn er jagt mich und meine Leute durch die Gegend. Manchmal kläfft er mich an, wenn ich nicht schnell genug meinen Platz verlasse. Er will, dass ich mich mit den anderen Schafen auf den Weg mache. Meist ziehen wir dann weiter oder wir verbringen die Nacht dicht aneinander gedrängt. Ich versuche immer, möglichst nahe an meinen Schäfer heran zu kommen. Dann fühle ich mich sicher und ab und zu streichelt er mein wolliges Fell. Ich habe sogar einen Namen, Zappel. Den hat mir der Schäfer gegeben, als ich damals meinen ersten Unfall hatte. Wir Schafe haben ja sehr dünne Beine und das Gewicht unseres Wollmantels ist nicht zu unterschätzen. Wenn wir hinfallen, dann kann es sein, dass wir auf dem Rücken landen und es gibt keine Möglichkeit, wieder auf die Hufe zu kommen. Mir ist das auch passiert und das Schlimme daran war, dass ich mich zu weit von der Herde entfernt hatte und der Schäfer es zunächst gar nicht bemerkte. Basil hat mich dann gefunden und laut gebellt. Ich hatte Angst, furchtbare Angst. Doch dann kam mein Freund, der Schäfer und half mir wieder auf die Beine. Ich werde ihm immer dankbar sein. Mir ist es danach noch ein paar Mal so ergangen, dass ich stolperte und hinfiel. Aber da wusste ich, dass er mich finden würde. Wir Schafe sind nicht so blöd, wie es uns nachgesagt wird, ganz ehrlich nicht. Auch wenn es so scheint, als meckerten wir nur den ganzen Tag herum, so ist doch jedes Mäh, das wir von uns geben sinnvoll.
Ich sehe gerade, dass unser guter Hirte sich zum Schlafen hinlegt. Er wird wohl die Nacht hier draußen bei uns verbringen. Also muss ich mich beeilen, dass ich noch einen Platz in seiner Nähe bekomme.
Also, schlaft alle schön und denkt daran: Wenn es euch mal umschmeißt, dann zappelt und ruft. Es wird schon einer kommen, der euch wieder aufrichtet.